Tradition trifft Technologie
Die Gärtnerei Bimberg Gartenbau besteht seit 1760 und ist seit rund 150 Jahren am Standort in Freiberg ansässig. Als produzierender Familienbetrieb versorgt sie ihre Kund:innen mit einem saisonalen Blumen- und Pflanzensortiment.
Auch im Gartenbau ist Digitalisierung längst Realität: In modernen Gewächshäusern werden u.a. Temperatur, Beschattung, Belüftung und Bewässerung automatisiert gesteuert. Je nach Betriebsgröße reichen die eingesetzten Lösungen von einfachen Steuerungssystemen bis hin zu integrierten Softwarelösungen, die eine Fernüberwachung und -steuerung per Computer oder Smartphone ermöglichen.
Doch Digitalisierung endet nicht im Produktionsprozess – sie betrifft ebenso Vertrieb, Kundenkommunikation und Organisation.
24/7-Filiale ohne Servicepersonal
Um auf unterschiedliche Bedürfnisse von Kund:innen und Mitarbeitenden zu reagieren, setzt Geschäftsführer Martin Bimberg gemeinsam mit seinem Bruder seit Februar 2025 auf ein erweitertes Vertriebskonzept: Eine bestehende Filiale in einer Freiberger Einkaufspassage wurde zu einem 24/7-Geschäft umgebaut – zugänglich rund um die Uhr, an sieben Tagen in der Woche, ohne dauerhaft anwesendes Verkaufspersonal.
Zielsetzung:
- Erweiterung der Öffnungszeiten ohne zusätzliche Personalkosten
- Familienfreundlichere, planbare Arbeitszeiten für Mitarbeitende
- Flexiblere Einkaufsmöglichkeiten für Kund:innen
- Stärkung der Wettbewerbsposition am Standort
Außerhalb der Servicezeiten können Kund:innen das Geschäft mittels Karten- oder NFC-Zugang betreten. Im Verkaufsraum erfassen Kameras mit KI-Unterstützung sicherheitsrelevante Situationen, etwa medizinische Notfälle. In solchen Fällen werden die Geschäftsführenden informiert und können per Gegensprechanlage reagieren oder Rettungskräfte verständigen.
Der Bezahlvorgang erfolgt über Self-Checkout-Systeme mit bargeldloser Zahlung. Während der Servicezeiten sind weiterhin Florist:innen vor Ort, übernehmen Beratungen, fertigen Sträuße und Gestecke an und kümmern sich um Warenpflege und -nachschub.
Mehrwerte für Betrieb, Mitarbeitende und Kund:innen
Nach rund einem Jahr zieht das Unternehmen eine positive Zwischenbilanz:
- Rund 10 % des Gesamtumsatzes wurden in den ersten elf Monaten außerhalb der personalbesetzten Zeiten erzielt.
- Die prognostizierte Amortisationszeit für den Umrüstaufwand liegt bei unter dreieinhalb Jahren.
- Die zusätzliche Öffnungszeit wirkt als Alleinstellungsmerkmal am Standort.
- Die vollständige digitale Warenerfassung ermöglicht eine präzisere Sortiments- und Einkaufsplanung.
- Geregelte Arbeitszeiten und die Modernität des Technikeinsatzes erhöhen die Arbeitgeberattraktivität – insbesondere für jüngere Fachkräfte.
Gleichzeitig zeigt sich: Befürchtungen hinsichtlich erhöhter Diebstahlraten haben sich bislang nicht bestätigt.
Herausforderungen im Umsetzungsprozess
Natürlich gab es auch Herausforderungen. Die Einführung des 24/7-Konzepts war mit organisatorischen, technischen und sozialen Fragestellungen verbunden:
- Berücksichtigung behördlicher Auflagen
- Einrichtung, Wartung und IT-Sicherheit der Systeme
- Schulung von Mitarbeitenden
- Unterstützung technikunsicherer Kund:innen
- Anpassung des Sortiments an veränderte Einkaufsgewohnheiten
Wie der Geschäftsführer es formuliert: „Viel Technik heißt auch viel Wartung.“ Digitalisierung erfordert daher nicht nur Investitionen in Hard- und Software, sondern auch kontinuierliche Pflege und Weiterentwicklung.
Menschzentrierte Weiterentwicklung
Das Beispiel verdeutlicht: Digitalisierung im Mittelstand kann erfolgreich sein, wenn sie konsequent an den Bedürfnissen von Menschen ausgerichtet wird – sowohl auf Seiten der Mitarbeitenden als auch der Kund:innen.
Aktuell arbeitet das Unternehmen an kurzen Erklärvideos, um Berührungsängste mit der Technik weiter abzubauen. Perspektivisch sind digitale Assistenzsysteme denkbar, die außerhalb der Servicezeiten grundlegende Beratung anbieten. So könnten Fachkräfte sich stärker auf ihre Kernkompetenzen im Garten- und Floristikhandwerk konzentrieren.
Fazit: Anpassungsfähigkeit als Erfolgsfaktor
Die Verbindung aus traditionellem Handwerk und digital unterstütztem Vertrieb zeigt, wie KMU auf veränderte Rahmenbedingungen reagieren können. Das 24/7-Modell von Bimberg Gartenbau steht exemplarisch für eine praxisnahe, wirtschaftlich tragfähige und menschenorientierte Digitalisierung. Oder wie es der Geschäftsführer zusammenfasst: „Wenn sich die Rahmenbedingungen ändern, müssen wir uns anpassen. Wenn wir uns nicht anpassen, werden wir aufgefressen und dann sind wir weg.“
Das Praxisbeispiel macht deutlich: Digitalisierung ist kein Selbstzweck – sie ist ein strategisches Instrument zur Zukunftssicherung des Mittelstands.
Autorin: Dr. Vivien Lungwitz