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Viele kleine und mittlere Unternehmen (KMU) stehen vor einem wachsenden Problem: Jahresberichte, technische Dokumentationen, Verträge und Handbücher stapeln sich – digital zwar, aber kaum durchsuchbar. ChatGPT und ähnliche KI-Assistenten versprechen Abhilfe, doch scheitern sie regelmäßig an langen, komplexen Fachdokumenten. Zu groß für den KI-Kontext, zu komplex für einfache Suchfunktionen. Ein gängiger Ansatz zur Verarbeitung großer Dokumentenmengen sind sogenannte Vector-Datenbanken, die Inhalte in semantische Vektorrepräsentationen überführen. Dieser Ansatz eignet sich besonders für semantische Ähnlichkeitssuchen, berücksichtigt jedoch die hierarchische Struktur vieler Dokumente nur eingeschränkt.  

Eine vielversprechende Open-Source-Alternative für hierarchisch aufgebaute Dokumente ist PageIndex. Das System nutzt die strukturellen Ebenen von Dokumenten – etwa Kapitel, Abschnitte und Unterabschnitte – und ermöglicht dadurch eine schnelle und präzise Analyse entlang dieser Hierarchie. Dadurch können Inhalte gezielt erschlossen und kontextuell zusammenhängend ausgewertet werden.

Das Problem kennen viele aus dem Arbeitsalltag

“Auf welcher Seite stand nochmal die Umsatzprognose für Q3?” – “Welche Anforderungen gelten laut Handbuch für die Maschinenwartung?” – “Was steht im Vertrag zu Kündigungsfristen?” Solche Fragen kosten täglich wertvolle Arbeitszeit. Moderne KI-Systeme sollten hier helfen, doch klassische RAG-Systeme (Retrieval-Augmented Generation) haben einen entscheidenden Nachteil: Sie zerhacken Dokumente in kleine Textschnipsel und suchen dann nach Ähnlichkeit statt nach Relevanz. Das führt dazu, dass die KI zwar semantisch ähnliche Passagen findet, aber oft den inhaltlichen Kontext verfehlt.

PageIndex: Wie ein Mensch durchs Inhaltsverzeichnis navigieren

PageIndex verfolgt einen grundlegend anderen Ansatz. Statt Dokumente in beliebige Chunks zu zerlegen und in eine Vector-Datenbank zu laden, erstellt das System eine hierarchische Baumstruktur – vergleichbar mit einem intelligenten, KI-optimierten Inhaltsverzeichnis. Die KI navigiert dann durch diese Struktur, wie ein menschlicher Experte durch ein Fachbuch blättern würde: Sie überfliegt das Inhaltsverzeichnis, identifiziert relevante Kapitel und vertieft sich gezielt in die passenden Abschnitte.

Der Clou: Keine Vector-Datenbank nötig, kein künstliches Chunking, stattdessen reasoning-basierte Suche. Das System erreichte in Benchmarks 98,7% Genauigkeit bei der Analyse von Finanzberichten – deutlich besser als klassische Vector-basierte Lösungen.

Konkrete Einsatzszenarien für den Mittelstand

PageIndex eignet sich besonders für KMU, die mit langen, strukturierten Fachdokumenten arbeiten:

Finanzwesen & Controlling

  • Analyse von Jahresabschlüssen, Quartalsberichten und Wirtschaftsprüfungsberichten
  • Schneller Zugriff auf Kennzahlen aus mehrjährigen Geschäftsberichten
  • Vergleiche zwischen verschiedenen Berichtsperioden

Technische Dokumentation

  • Durchsuchbare Bedienungsanleitungen und Wartungshandbücher
  • Schnelle Antworten zu Maschinenbedienung, Sicherheitsvorschriften oder Ersatzteilen
  • Zugriff auf technische Spezifikationen in umfangreichen Produktkatalogen

Recht & Compliance

  • Vertragsanalyse und -vergleich
  • Durchsuchbare Compliance-Dokumentation und Richtlinien
  • Schneller Zugriff auf regulatorische Anforderungen

Qualitätsmanagement

  • Navigation in ISO-Handbüchern und QM-Dokumentationen
  • Zugriff auf Prüfprotokolle und Zertifizierungsunterlagen

Vertrieb & Projektmanagement

  • Analyse früherer Angebote und Ausschreibungen
  • Durchsuchbare Projektdokumentationen

Open Source als Grundlage für digitale Souveränität

PageIndex ist als Open-Source-Projekt verfügbar und kann auf eigener Infrastruktur betrieben werden. Das bedeutet: Ihre sensiblen Unternehmensdokumente verlassen nicht Ihr Netzwerk. Anders als bei Cloud-basierten Lösungen behalten Sie die volle Kontrolle über Ihre Daten. Die Lösung lässt sich mit bereits etablierten Open-Source-Sprachmodellen wie Llama, Mistral oder Qwen kombinieren – für vollständige digitale Souveränität.

Ein weiterer Vorteil: Die technischen Anforderungen sind überschaubar. Während Vector-Datenbanken komplexe Infrastruktur und ständige Synchronisation erfordern, benötigt PageIndex lediglich die initiale Verarbeitung der PDFs in Baumstrukturen. Diese können dann effizient gespeichert und bei Bedarf von der KI durchsucht werden.

Von der Vector-Suche zum menschlichen Verständnis

Der entscheidende Unterschied liegt im Ansatz: Während traditionelle RAG-Systeme auf Similarity Searchsetzen (also mathematische Ähnlichkeit von Texten), nutzt PageIndex Reasoning (also logisches Schlussfolgern). Das System “denkt” sich durch das Dokument, ähnlich wie ein erfahrener Mitarbeiter, der weiß, in welchem Kapitel er nach bestimmten Informationen suchen muss.

Praktisches Beispiel: Bei der Frage “Wie hoch war der Umsatz in Q3?” würde eine Vector-Suche möglicherweise alle Stellen finden, wo “Umsatz” und “Q3” vorkommen – auch wenn es nur um Prognosen oder Vorjahresvergleiche geht. PageIndex hingegen navigiert gezielt zum Kapitel “Geschäftsjahr > Drittes Quartal > Umsatzkennzahlen” und findet die tatsächlich relevante Passage.

Einstieg ohne großen Aufwand

Der Start mit PageIndex ist unkompliziert: Das System benötigt lediglich Python, einen API-Key (auch mit lokalen Modellen nutzbar) und Ihre PDF-Dokumente. In wenigen Schritten lassen sich erste Dokumentenstrukturen erstellen und durchsuchbar machen. Für technisch versierte KMU ist dies ein überschaubarer Prototyp, der sich in bestehende Systeme integrieren lässt.

Besonders interessant: PageIndex unterstützt auch Vision-basierte Verarbeitung, kann also direkt mit gescannten Dokumenten oder PDFs ohne Textebene arbeiten – ohne aufwändige OCR-Prozesse.

Herausforderungen realistisch einschätzen

Wie bei jeder Open-Source-Lösung gilt: Eigenkontrolle bedeutet auch Eigenverantwortung. Unternehmen benötigen grundlegendes technisches Know-how für Installation und Betrieb. Die initiale Verarbeitung großer Dokumentenbestände kann zudem Zeit und API-Kosten verursachen.

Dennoch: Im Vergleich zu proprietären Enterprise-Lösungen für Dokumenten-Intelligence, die schnell fünf- bis sechsstellige Jahreskosten verursachen, bietet PageIndex eine kosteneffiziente Alternative mit transparenter Technologie.

Praktische nächste Schritte

Ein guter Einstieg ist die Erprobung mit ausgewählten Dokumententypen: Wählen Sie 5-10 typische Geschäftsberichte, technische Handbücher oder Verträge aus und testen Sie, wie gut PageIndex diese erschließt. So lässt sich schnell einschätzen, ob der Ansatz für Ihre spezifischen Anforderungen passt.

Fazit: Reasoning schlägt Similarity

PageIndex demonstriert eindrucksvoll, dass intelligente Dokumentensuche nicht zwingend komplexe Vector-Datenbanken erfordert. Durch den reasoning-basierten Ansatz liefert das System präzisere Ergebnisse bei gleichzeitig einfacherer Architektur. Für KMU mit umfangreichen Dokumentenbeständen – sei es in Finance, Technik, Legal oder Quality Management – bietet sich hier eine vielversprechende Open-Source-Alternative.

Die Kombination aus lokaler Kontrolle, transparenter Technologie und nachvollziehbaren Ergebnissen macht PageIndex zu einem interessanten Baustein für die digitale Souveränität im Mittelstand.

Repository

17.02.26

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Das Mittelstand-Digital Netzwerk bietet mit den Mittelstand-Digital Zentren und der Initiative IT-Sicherheit in der Wirtschaft umfassende Unterstützung bei der Digitalisierung. Kleine und mittlere Unternehmen profitieren von konkreten Praxisbeispielen und passgenauen, anbieterneutralen Angeboten zur Qualifikation und IT-Sicherheit. Das Bundesministerium für Wirtschaft und Energie ermöglicht die kostenfreie Nutzung der Angebote von Mittelstand-Digital. Weitere Informationen finden Sie unter www.mittelstand-digital.de.