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Veränderung scheitert selten am Ziel, sondern häufig am Weg dorthin. Der Beitrag zeigt, warum erfolgreiches Change Management weniger von Überzeugungsarbeit als von der Gestaltung der richtigen Rahmenbedingungen abhängt.

Digitalisierung, Künstliche Intelligenz, Nachhaltigkeit, Fachkräftemangel und steigende regulatorische Anforderungen gehören zu den zentralen Herausforderungen des deutschen Mittelstands. Unternehmen investieren deshalb in neue Technologien, digitale Werkzeuge und organisatorische Veränderungen. Allein im Jahr 2024 beliefen sich die Digitalisierungsausgaben mittelständischer Unternehmen auf rund 23,8 Milliarden Euro (KfW Research, 2025).

Trotz dieser Investitionen ist die Digitalisierungsaktivität zuletzt zurückgegangen. Laut KfW haben nur etwa 30 Prozent der mittelständischen Unternehmen Digitalisierungsprojekte umgesetzt (KfW, 2025). Der Anteil liegt damit wieder auf dem Niveau vor der Corona-Pandemie. Die Herausforderung besteht dabei oft nicht darin, Lösungen zu finden — sondern gefundene Lösungskonzepte erfolgreich im Arbeitsalltag zu verankern. 

Besonders deutlich wird dies beim Thema Wissensmanagement. Nach einer Studie des McKinsey Global Institute verbringen Beschäftigte in informationsintensiven Tätigkeiten rund 20 Prozent ihrer Arbeitszeit mit der Suche nach Informationen oder Ansprechpartnern im Unternehmen. Gleichzeitig schätzt die Unternehmensberatung, dass durch eine effektivere Wissensnutzung  und eine effizientere digitale Zusammenarbeit Produktivitätssteigerungen von 20 bis 25 Prozent möglich sind. Das Wissensmanagement ist dabei ein konkretes Beispiel für ein grundlegenderes Phänomen, das viele Veränderungsprozesse betrifft.

Die genannten Zahlen verdeutlichen ein bekanntes Muster: Unternehmen verfügen häufig über das notwendige Wissen, geeignete Technologien und klare Ziele. Dennoch bleiben viele Potenziale ungenutzt. Die Frage ist nicht nur, welche Lösungen eingesetzt werden sollten. Wesentlich ist vielmehr zu verstehen, warum sinnvolle Veränderungen trotz offensichtlicher Vorteile häufig nicht konsequent umgesetzt werden.

Warum Wissen allein selten ausreicht

Eine naheliegende Erklärung lautet, dass Mitarbeitende den Nutzen einer Veränderung nicht hinreichend verstehen. Entsprechend setzen viele Veränderungsprojekte auf Kommunikation, Schulungen und Informationsveranstaltungen. Die zugrunde liegende Annahme erscheint plausibel: Wer den Nutzen einer Maßnahme erkennt, wird das Verhalten entsprechend anpassen.

Die Verhaltensforschung zeichnet jedoch ein differenzierteres Bild. Bereits der Psychologe Kurt Lewin beschrieb Verhalten als Ergebnis des Zusammenspiels von Person und Umwelt (Lewin, 1936). Menschen handeln nicht unabhängig von ihrem Umfeld, sondern innerhalb konkreter Situationen, die ihr Verhalten beeinflussen.

Besonders deutlich zeigt sich dies in der Nachhaltigkeitsforschung. Dort wird seit vielen Jahren der sogenannte Attitude-Behavior Gap untersucht, also die Lücke zwischen positiven Einstellungen und tatsächlichem Verhalten. Studien zeigen, dass Menschen nachhaltiges Handeln häufig befürworten, diese Überzeugungen jedoch nicht automatisch in eigenes Verhalten übersetzen (Kollmuss & Agyeman, 2002; Carrington et al., 2010).

Die Forschung erklärt dieses Phänomen unter anderem durch den Einfluss von Gewohnheiten, sozialen Normen und situativen Rahmenbedingungen. Einstellungen und Wissen sind wichtige Voraussetzungen für Verhaltensänderungen, reichen jedoch häufig nicht aus, um bestehende Routinen dauerhaft zu verändern (Kollmuss & Agyeman, 2002).

Diese Erkenntnis lässt sich auch auf Unternehmen übertragen. Mitarbeitende erkennen den Nutzen eines Wissensmanagementsystems an, dokumentieren jedoch beispielsweise ihr Wissen dennoch nicht regelmäßig. Beschäftigte sehen die Vorteile digitaler Prozesse, greifen im Arbeitsalltag aber weiterhin auf vertraute Vorgehensweisen zurück. Die entscheidende Frage lautet daher nicht nur, wie Menschen von einer Veränderung überzeugt werden können, sondern auch, unter welchen Bedingungen neues Verhalten überhaupt entsteht.

Was beeinflusst Verhalten?

Eine mögliche Antwort liefert die Verhaltensforschung im Energiebereich. Der Ökonom Hunt Allcott untersuchte die Wirkung sogenannter Home Energy Reports bei rund 600.000 Haushalten in den USA (Allcott, 2011).

Die Teilnehmenden erhielten regelmäßig Informationen über ihren Energieverbrauch. Zusätzlich wurde ihr Verbrauch mit dem ähnlicher Haushalte in ihrer Nachbarschaft verglichen. Der soziale Vergleich machte den eigenen Energieverbrauch unmittelbar bewertbar.

Das Ergebnis war bemerkenswert: Der Stromverbrauch sank durchschnittlich um etwa zwei Prozent (Allcott, 2011). Bedeutsam ist dabei weniger die Höhe des Effekts als dessen Ursache. Es wurden weder neue Technologien eingeführt noch finanzielle Anreize geschaffen. Verändert wurde ausschließlich die Art und Weise, wie Informationen dargestellt und in die Entscheidungssituation eingebettet wurden.

Die Studie zeigt, dass Verhalten nicht allein durch zusätzliche Informationen beeinflusst wird. Relevant ist vielmehr, wie Informationen wahrgenommen, interpretiert und in konkrete Handlungen übersetzt werden.

Für Unternehmen ist diese Erkenntnis hoch relevant. Dashboards, Wissensplattformen oder Nachhaltigkeitsberichte stellen Informationen bereit. Ob daraus tatsächlich verändertes Verhalten entsteht, hängt jedoch wesentlich davon ab, wie diese Informationen in den Arbeitsalltag integriert werden können.

Behavioral Design als Perspektivwechsel

Genau an dieser Stelle setzt Behavioral Design an.

Während klassische Change-Management-Ansätze vor allem auf Kommunikation, Beteiligung und Qualifizierung fokussieren, beschäftigt sich Behavioral Design mit der Gestaltung von Handlungssituationen. Im Mittelpunkt steht, wie Prozesse, Systeme und Arbeitsumgebungen gestaltet werden können, damit gewünschtes Verhalten wahrscheinlicher wird.

Eine wichtige Grundlage dieses Denkens findet sich in der Arbeit des Designforschers Donald Norman. Norman argumentiert, dass Probleme häufig nicht allein auf individuelle Fehler zurückzuführen sind, sondern auf die Gestaltung von Produkten, Prozessen oder Systemen (Norman, 2013). Wenn Informationen schwer auffindbar sind oder Arbeitsabläufe unnötige Hürden erzeugen, entstehen Fehler häufig aufgrund der Gestaltung und nicht aufgrund mangelnder Motivation.

Behavioral Design versteht sich dabei nicht als Alternative zum Change Management, sondern als Ergänzung. Neben der Frage, wie Menschen von einer Veränderung überzeugt werden können, rückt eine weitere Frage in den Mittelpunkt: Wie müssen die Rahmenbedingungen gestaltet werden, damit gewünschtes Verhalten möglichst einfach wird?

Ein Beispiel aus dem Wissensmanagement

Wie relevant diese Perspektive für den Mittelstand sein kann, zeigt erneut das Wissensmanagement.

Viele Unternehmen investieren in digitale Wissensplattformen und Dokumentationssysteme. Dennoch bleibt Wissen häufig in E-Mail-Postfächern, persönlichen Dateien oder den Köpfen einzelner Mitarbeitender vergraben. Häufig wird dies als Akzeptanz- oder Motivationsproblem interpretiert.

Behavioral Design lenkt den Blick dagegen auf die konkrete Arbeitssituation. Wie viel zusätzlichen Aufwand verursacht die Dokumentation? Ist der Nutzen unmittelbar erkennbar? Und wie gut lässt sich die Dokumentation in bestehende Arbeitsabläufe integrieren?

Gerade in kleinen und mittleren Unternehmen sind diese Fragen besonders relevant. Begrenzte Ressourcen und hohe operative Belastungen führen dazu, dass zusätzliche Aufgaben häufig mit dem Tagesgeschäft konkurrieren. Ob ein System dauerhaft genutzt wird, hängt daher nicht nur von seinem Nutzen ab, sondern auch davon, wie gut es in bestehende Arbeitsprozesse eingebettet ist.

Fazit

Viele Transformationsprojekte scheitern nicht allein an mangelndem Wissen, fehlender Technologie oder unzureichenden Strategien. Häufig liegt eine zentrale Herausforderung vielmehr darin, dass neue Verhaltensweisen nicht dauerhaft Teil des Arbeitsalltags werden. 

Die vorgestellten Beispiele aus Nachhaltigkeitsforschung, Energiekonsum und Wissensmanagement zeigen, dass Wissen und positive Einstellungen allein häufig nicht ausreichen, um Verhalten dauerhaft zu verändern. Sie demonstrieren, dass die Gestaltung von Entscheidungssituationen einen messbaren Einfluss auf menschliches Verhalten haben kann.

Behavioral Design erweitert die Perspektive des klassischen Change Managements. Der Ansatz richtet den Blick nicht nur auf die Menschen, die sich verändern sollen, sondern auch auf die Bedingungen, unter denen Veränderungen stattfinden.

Damit stellt sich eine weitere Frage: Warum bewerten Menschen dieselbe Veränderung oft unterschiedlich? Warum erscheint ein neues System den einen als hilfreiche Unterstützung und den anderen als zusätzliche Belastung? Die Antwort liegt häufig in den mentalen Modellen, mit denen Menschen ihre Umwelt wahrnehmen und interpretieren. Genau damit beschäftigt sich der nächste Beitrag dieser Reihe.

26.06.26

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