Was ist ein Fähigkeitsspektrum?
Traditionell wurde Behinderung oft als ein dauerhaftes, persönliches Merkmal gesehen. Das moderne Verständnis von Inklusion, wie es auch Microsoft im Inclusive 101-Leitfaden definiert, sieht Behinderung jedoch als das Ergebnis einer mangelhaften Interaktion zwischen Mensch und Umwelt (Soziales Modell).
Verdeutlicht werden kann das auch mit Fähigkeiten variierend auf einem Zeitspektrum, wie im Inclusive 101-Leitfaden:
- Permanent: Eine dauerhafte körperliche Einschränkung (z. B. Nutzende mit nur einem Arm).
- Temporär: Eine kurzzeitige Verletzung oder Erkrankung (z. B. eine Handgelenksverletzung oder ein Gipsarm).
- Situativ: Eine Einschränkung durch den aktuellen Kontext (z. B. ein Elternteil, das ein Baby auf dem Arm hält und nur eine Hand frei hat).
Von Tausenden zu Millionen
Ein Rechenbeispiel verdeutlicht das Potenzial: Während in den USA jährlich etwa 26.000 Menschen dauerhaft einen Arm verlieren, erhöht sich die Zahl der potenziell profitierenden Nutzer auf über 21 Millionen, wenn man Menschen mit temporären Verletzungen und situativen Einschränkungen (wie junge Eltern) dazurechnet. Wer für die „permanente“ Stufe des Spektrums designt, schafft automatisch eine bessere User Experience für Millionen von Menschen in temporären oder situativen Kontexten. Auch hier wieder Instanz des Curb-Cut-Effects.
Anwendungsbereiche in Ihrem Unternehmen
Produktgestaltung: Das System trägt die Verantwortung, durch Modularität
Auf Basis dieses Spektrums rückt das Ability-Based Design in den Fokus. Hier gilt das Prinzip der Rechenschaftspflicht: Wenn Nutzende ein System nicht bedienen können, liegt der Fehler nicht bei den Nutzenden, sondern beim System. Hierbei sollen Sie darin investieren, vorhandene Standard-Hardware (Smartphones, Mikrofone, Tastatur) zu unterstützen. Durch intelligente Software, die sich an die Fähigkeiten auf dem Spektrum anpasst (z. B. durch Sprachsteuerung oder Ein-Hand-Modus), können die Nutzenden dann ihre Anwendungen an ihre individuellen Fähigkeiten anpassen.
Testnutzende: Lernen auf dem gesamten Nutzenensprektrum
Menschliche Vielfalt ist eine Ressource für bessere Designs. Anstatt nur mit dem „Durchschnittsnutzer“ oder im permanenten Ende des Fähigkeitsspektrums zu testen, sollten KMU gezielt diverse Menschen dieses Spektrums einbeziehen. Diese Nutzenden sind unterschiedlich starke Experten darin, sich an eine nicht inklusive Welt anzupassen. Ihre Erkenntnisse decken Reibungspunkte in der Software auf, die für situativ eingeschränkte Nutzer (z. B. ein gestresster Mitarbeiter in einer lauten Lagerhalle) den Unterschied zwischen Erfolg und Abbruch bedeuten, während sie vielleicht noch keine Adaptionsstrategien entwickelt haben.
Personalweiterentwicklung: Inklusion als Innovationskultur
Der Wechsel zum Denken in Spektren erfordert einen Mindset-Shift im gesamten Team. Digitale Barrierefreiheit ist keine Checkliste für die Entwicklung für Menschen mit permanenten Beeinträchtigungen, sondern eine Methode, um Reibungsverluste in digitalen Prozessen zu minimieren. Wenn Mitarbeitende lernen, Barrieren nicht nur als „Problem anderer“ zu sehen, sondern als tägliche Herausforderung, die jeden (situativ oder temporär) betreffen können, fördert dies die Entwicklung intuitiverer und robusterer Lösungen.
Das Persona-Spektrum ist eine universelle Design-Strategie, die menschliche Bedürfnisse ernst nimmt.
Weitere Informationen
Kontakt
Adrian Wegener
- Karlsruher Institut für Technologie
- Mittelstand 4.0-Kompetenzzentrum Usability
- Mittelstand-Digital Zentrum Fokus Mensch
- Kaiserstraße 89-93
- 76133 Karlsruhe