Die „Gießkanne“ in der Weiterbildung
Oft leiden betriebliche Schulungen unter dem Gießkannenprinzip: Alle Mitarbeitenden erhalten die gleichen Inhalte, unabhängig davon, wo ihre Aufmerksamkeit in einer Präsentation oder einem Training nachgelassen hat. Wichtige Informationen gehen verloren, und die Nachbereitung ist oft mühsam oder wird völlig vernachlässigt.
AttentiveLearn – Ein mitdenkendes Lern-Ökosystem
Im Rahmen unserer Forschung haben wir ein System entwickelt, das den Lernprozess individuell unterstützt. Der Kern von AttentiveLearn besteht aus drei Komponenten:
- Aufmerksamkeitsanalyse in VR: Während Nutzende eine Schulung in einer VR-Umgebung absolvieren, erfasst ein integriertes Eye-Tracking-System (Blickerfassung), welche Inhalte (z. B. Grafiken oder Erklärungen auf Folien) tatsächlich wahrgenommen wurden.
- Intelligente Datenverarbeitung: Das System berechnet daraus einen sogenannten Attention Distribution Index (ADI). Es erkennt also präzise, in welchen Abschnitten die Aufmerksamkeit niedrig war.
- Personalisierte Nachbereitung per App: Direkt nach der VR-Sitzung erhalten die Lernenden auf ihren Smartphones maßgeschneiderte Quizfragen, die exakt die Themen abfragen, bei denen die Aufmerksamkeit am geringsten war.
KMU verfügen oft nicht über riesige Personalentwicklungsabteilungen oder Ressourcen. Hier bietet unsere Forschung, die mit im Handel verfügbarer Hardware (bsp. Meta Quest Pro) und kostenfreier VR-Software (bsp. Unity Game Engine) repliziert werden kann, konkrete Vorteile für die Praxis:
- Höhere Motivation und Engagement: Unsere Feldstudie mit 36 Teilnehmenden über vier Wochen zeigte, dass die Gruppe mit personalisierten Inhalten eine signifikant höhere Lernmotivation und ein stärkeres Engagement aufwies. Mitarbeitende fühlen sich durch die passgenaue Unterstützung besser abgeholt.
- Zeitoptimierung: Anstatt das gesamte Schulungsmaterial noch einmal durchzugehen, konzentriert sich die Nachbereitung auf die individuellen Wissenslücken. Das spart wertvolle Arbeitszeit.
- Nachhaltiger Lernerfolg: Teilnehmende in der personalisierten Gruppe konnten ihre Leistung über mehrere Wochen hinweg stabiler halten, während sie bei herkömmlichen Methoden oft abfiel. Besonders „unaufmerksame“ Lernende profitierten über die Zeit von einer Verbesserung ihrer Konzentrationsstrategien.
- Flexibilität durch Cross-Device-Learning: Das Lernen beginnt in der immersiven VR-Umgebung im Betrieb und wird nahtlos über einen mobilen Assistenten (KI-Chatbot) auf dem Smartphone fortgesetzt.
Ausblick für die Personalentwicklung
Unsere Forschung zeigt, dass Lernen am Arbeitsplatz mehr sein kann als passives Konsumieren von Inhalten. Durch den Einsatz von gaze-aware (blickgesteuerten) Systemen wird die Weiterbildung zu einem proaktiven Dialog. Investitionen in VR-Technologie lohnen sich besonders dann, wenn sie mit intelligenten, personalisierten Assistenzsystemen verknüpft werden und Lernmaterial von VR-Umgebungen profitiert.
Dieser Beitrag basiert auf der Forschung von Liu, Feick, Bierhoff, Maedche (2026) mit dem Titel „AttentiveLearn: Personalized Post-Lecture Support for Gaze-Aware Immersive Learning“. Der wissenschaftliche Artikel dazu ist zu finden als Vorveröffentlichung im arxiv.
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Kontakt
Adrian Wegener
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