Doch hier liegt eine Chance für den Mittelstand: Wenn wir Kommunikationssysteme so gestalten, dass sie für Menschen mit unterschiedlicher Konzentrationsfähigkeit oder Energielevel funktionieren, profitieren am Ende alle Mitarbeitenden davon. Das ist der sogenannte Curb-Cut-Effekt: So wie abgeschrägte Bordsteine nicht nur Rollstuhlfahrenden, sondern auch Eltern mit Kinderwagen und Reisenden mit Koffern helfen, machen barrierefreie digitale Werkzeuge die Arbeit für das gesamte Team produktiver.
Die „unsichtbare Arbeit“ hinter dem Posteingang
In einer 14-jährigen Fallstudie begleitete ein Forschungsteam eine akademische Fachkraft (genannt „Raven“), die mit ADHS und chronischen Krankheiten lebt. Raven entwickelte über Jahre hinweg ein eigenes System namens „Mail++“, um die tägliche E-Mail-Flut zu bewältigen. Dabei wurde deutlich: Menschen mit individuellen Zugangsbedürfnissen leisten oft ein enormes Maß an „unsichtbarer Barrierefreiheits-Arbeit“. Sie entwickeln eigene „Hacks“ und Workflows, um mit Systemen zu arbeiten, die eigentlich nicht für ihre Bedürfnisse optimiert sind.
Individualisierung von Software
Für mittelständische Unternehmen ist der Erhalt von Fachkräften entscheidend. Wenn Standard-IT-Systeme (wie der plötzliche Wechsel von einer gewohnten Software zu einer anderen) diese individuellen Hilfssysteme zerstören, kann das schwerwiegende Folgen haben. Im Fall der Studie führte der Verlust gewohnter Funktionen zu:
- Verpassten Fristen und Compliance-Problemen.
- Massiver Stress und Burnout-Gefahr.
- Dem Gefühl, den Job kündigen zu müssen, weil die Kommunikation „unbewältigbar“ wurde.
Den Curb-Cut-Effekt nutzen: Tipps für eine inklusive Unternehmenskultur aus der Langzeitstudie
Wie können KMU ihre Teams unterstützen und gleichzeitig die Produktivität steigern? Die Langzeitstudie schlägt zwei zentrale Design-Prinzipien vor:
- Flexibilität erlauben: Geben Sie Ihren Mitarbeitenden die Freiheit, ihre Tools anzupassen. Ob es eigene Labels („Warten auf“, „Dringend“), Tastaturkürzel oder ablenkungsfreie Schreibmodi sind, diese Anpassungen sind keine Spielerei, sondern essenzielle Produktivitäts-Werkzeuge.
- Anpassungsfähigkeit fördern: Unterstützen Sie Workflows, die sich an das Energielevel anpassen. Die Studie zeigt, dass „mobiles Triage“ (das kurze Sortieren von E-Mails am Smartphone während einer Ruhepause) ein wichtiger Mechanismus ist, um auch in schwierigen Phasen handlungsfähig zu bleiben.
Anpassbarkeit, aber wie?
Barrierefreiheit im digitalen Raum bedeutet nicht nur, gesetzliche Vorgaben zu erfüllen. Es bedeutet, Systeme zu schaffen, die menschliche Vielfalt als Standard ansehen. Ein ablenkungsfreies E-Mail-Programm hilft der Fachkraft mit ADHS genauso wie der Projektleiterin, die unter Zeitdruck eine wichtige Analyse fertigstellen muss. Indem wir starre IT-Strukturen aufbrechen und Raum für individuelle Anpassungen lassen, schaffen wir eine Arbeitsumgebung, in der jeder sein volles Potenzial entfalten kann. Damit hier nicht an der Technik gescheitert wird, ist es aber häufig nötig auf einfacher modifizierbare Open-Source-Lösungen umzusteigen, die auch auf mobilen Geräten funktionieren, und sich nicht auf “fertige” Lösungen von großen Softwareunternehmen zu verlassen.
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Kontakt
Adrian Wegener
- Karlsruher Institut für Technologie
- Mittelstand 4.0-Kompetenzzentrum Usability
- Mittelstand-Digital Zentrum Fokus Mensch
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