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Mit dem Barrierefreiheitsstärkungsgesetz (BFSG) stehen viele kleine und mittlere Unternehmen (KMU) vor einer neuen Herausforderung: Digitale Angebote müssen barrierefrei sein. Doch Barrierefreiheit ist weit mehr als eine rein technische Checkliste oder das Erfüllen von Normen wie der WCAG. Unsere Forschungsstudie zeigt, dass automatisierte Tools und Checklisten allein nicht ausreichen, um eine wirklich inklusive Anwendung zu garantieren.

Das Problem: Die Lücke von automatisierter Tests und Kriterienlisten
Viele Unternehmen verlassen sich auf automatisierte Audit-Tools, um Barrieren zu finden. Diese Werkzeuge sind zwar hilfreich, stoßen aber schnell an ihre Grenzen: Sie können zwar beispielhaft prüfen, ob ein Alternativtext für ein Bild vorhanden ist, aber nicht, ob dieser den Bildinhalt für einen blinden Nutzer auch sinnvoll beschreibt. Aktuelle Daten belegen, dass 96,1 % der weltweit führenden Websites grundlegende Barrierefreiheitsfehler aufweisen, obwohl automatisierte Tests weit verbreitet sind. Auch Kriterienlisten in Normen wie der WCAG oder EN 301 549 können nicht alle Anforderungen der diversen Nutzenden mit Behinderungen abdecken.

Währen viele Barrieren dazu führen, dass potenzielle Kund:innen Kaufprozesse abbrechen oder Dienstleistungen nicht in Anspruch nehmen können ist menschliches Feedback auch im Mittelstand unverzichtbar.

Die Lösung: Ein universelles Feedback-Formular
In unserer Studie haben wir im Rahmen eines partizipativen Designansatzes gemeinsam mit Menschen mit Sehbehinderungen und Entwickler:innen ein universelles Feedback-Formular entwickelt. Das Ziel war es, eine Brücke zwischen den Betroffenen und den Unternehmen zu schlagen, um die Qualität der Fehlermeldungen drastisch zu erhöhen. Diese Anwendung stellen wir Open-Source bereit.

Unsere Forschung zeigt, dass Feedback nur dann wertvoll ist, wenn es spezifisch, reproduzierbar und handlungsorientiert ist. Bestehende Tools sind oft selbst nicht barrierefrei oder überfordern die Nutzer, was dazu führt, dass wertvolles Wissen über Fehler verloren geht.

Anforderungen an Feedback Systeme zum Identifizieren von Barrieren:

  1. Sichtbarkeit schaffen: Platzieren Sie einen deutlichen Link zu einem Feedback-Formular (z.B. im Footer), damit Nutzende Barrieren direkt melden können.
  2. Geführte Prozesse nutzen: Ein gutes Formular sollte den Nutzer leiten. Fragen Sie gezielt nach der verwendeten assistiven Technologie (z.B. Screenreader), um den Fehler für Ihre Entwickler:innen reproduzierbar zu machen.
  3. Transparenz und Vertrauen: Erklären Sie kurz, warum Sie Daten erheben und wie diese zur Verbesserung der Seite beitragen. Das stärkt die Motivation der Nutzer, detailliertes Feedback zu geben.
  4. Hürden im Formular minimieren: Vermeiden Sie komplizierte CAPTCHAs, da diese oft selbst unüberwindbare Barrieren darstellen. Beschränken Sie Pflichtfelder auf das Nötigste.
  5. Reaktion zeigen: Bestätigen Sie den Erhalt des Feedbacks unmittelbar. Nutzer, die merken, dass ihre Meldung ernst genommen wird, unterstützen Unternehmen eher langfristig bei der Optimierung.

Was macht gutes Feedback aus?
Im Rahmen unserer Studie haben wir mit Entwickler:innen über ihre Anforderungen an gutes Feedback zur Beseitigung von Barrieren gesprochen. Folgende Charakteristiken definieren für sie die Feedbackqualität:

Charakteristiken für Feedback Qualität
Hoch-qualitatives Feedback Unzureichendes Feedback

Exakte Position auf der Webseite

Unklare Fehlerposition im System
Einfach reproduzierbar Unspezifische Anwendung oder Assistive Systeme
Kontaktdaten für Rückfragen Keine Kontaktdaten für Rückfragen
Detaillierte Systembeschreibung Unzureichende Problembeschreibung
Barriere und dessen Auswirkung erklärt  
Präzise Problembeschreibung  

Fazit und Zugang zur Anwendung
Wie immer ist “Barrierefreiheit” kein abschließbares Projekt, sondern ein kontinuierlicher Prozess. Durch die Implementierung eines durchdachten Feedback-Mechanismus erfüllen Unternehmen nicht nur gesetzliche Anforderungen, sondern verbessern die Usability für alle Nutzenden.

Unsere Forschung stellt einen Open-Source Anwendung bereit, damit der Mittelstand diesen Weg erfolgreich und nutzerzentriert gehen kann.
Eine Beschreibung dieses Systems ist in einem Beitrag über das Universelles Feedback-Formular zur Barrierefreiheit erreichbar.

Die wissenschaftliche Arbeit als Grundlage für diesen Artikel und die Anwendung ist im freien Zugang (Open-Access) verfügbar.

05.02.26

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Das Mittelstand-Digital Netzwerk bietet mit den Mittelstand-Digital Zentren und der Initiative IT-Sicherheit in der Wirtschaft umfassende Unterstützung bei der Digitalisierung. Kleine und mittlere Unternehmen profitieren von konkreten Praxisbeispielen und passgenauen, anbieterneutralen Angeboten zur Qualifikation und IT-Sicherheit. Das Bundesministerium für Wirtschaft und Energie ermöglicht die kostenfreie Nutzung der Angebote von Mittelstand-Digital. Weitere Informationen finden Sie unter www.mittelstand-digital.de.