Im Rahmen der Feldanalysen des Mittelstand-Digital Zentrums Fokus Mensch untersuchen wir Unternehmenswebsites und analysieren, wie Unternehmen Digitalisierung und Nachhaltigkeit miteinander kombinieren. Vor diesem Hintergrund befasst sich einer unserer Beiträge mit der Frage, welchen Beitrag die Digitalbranche zu bezahlbarer und sauberer Energie leisten kann. Die Unternehmen entwerfen dabei nicht nur Zukunftsvisionen, sondern setzen längst Lösungen um. Ein Beispiel hierfür sind Smart Meter, die den Energieverbrauch und die Energieerzeugung erfassen und dadurch eine effizientere Nutzung von Ressourcen realisieren. Ein weiterer Beitrag auf Basis unserer Feldanalysen erläutert, wie Daten zum Klimaschutz beitragen können. Damit sind digitale Technologien gemeint, mit denen Unternehmen Lieferketten effizienter gestalten, Nachhaltigkeitsberichte erstellen oder Ressourcenverbräuche transparent erfassen und auswerten können. Dabei dient Nachhaltigkeitssoftware nicht nur der Erfüllung regulatorischer Berichtspflichten, sondern unterstützt Unternehmen zudem bei der Steuerung nachhaltiger Prozesse und gewährleistet eine effizientere Ressourcennutzung. Unsere Feldanalysen zeigen, dass sich zahlreiche Unternehmen der Digitalbranche dezidiert mit Digitalisierung sowie Nachhaltigkeit auseinandersetzen und die Interdependenzen auf ihren Websites hervorheben. Damit die Außendarstellung der Unternehmen durch ihre Praxisperspektiven ergänzt wird, lud das Mittelstand-Digital Zentrum Fokus Mensch Vertreterinnen und Vertreter von Unternehmen der Digitalbranche zu einem gemeinsamen Austausch ein.
Digitalisierung als Grundlage nachhaltigen Handelns
Wie durch Digitalisierung komplexe Prozesse besser steuerbar gemacht werden können und wie dies zur Nachhaltigkeit beiträgt, erklärte JaMoin: Die Entwicklung nachhaltiger Lösungen setze digitale Technologien voraus, damit anfallende Daten sowie die wachsende Informationskomplexität analysiert und dadurch nachhaltig gestaltet werden könnten. Für JaMoin seien Digitalisierung und Nachhaltigkeit eng miteinander verknüpft, weil Unternehmen damit sowohl ihre Geschäftsprozesse als auch Nachhaltigkeit skalieren und steuern könnten. Prior1 ergänzte diese Perspektive, Digitalisierung sei die Grundlage für neue datenbasierte und nachhaltige Dienstleistungen sowie Geschäftsmodelle. Denn durch Digitalisierung könnten Energie- und Ressourcenverbräuche sichtbar werden. So sei es möglich, Nachhaltigkeitsmaßnahmen anhand von Kennzahlen zu bewerten und nachhaltige Unternehmensentwicklungen über die Zeit nachzuvollziehen.
Mehrere Unternehmen betonten zugleich, dass digitale Technologien nicht per se nachhaltig seien. Was aber gilt für KI? Wir stellten daher die Frage, weshalb Digitalisierung oftmals als nachhaltig, KI jedoch als weniger nachhaltig gesehen wird. Die Diskussion eröffnete sustamize, indem das Unternehmen die Gegenüberstellung grundsätzlich infrage stellte. Demnach sei Digitalisierung der übergeordnete Rahmen, KI lediglich ein Werkzeug innerhalb dieses Rahmens. Die Frage lasse sich deshalb nicht sinnvoll beantworten. Vielmehr müsse Nachhaltigkeit anhand konkreter Prozesse und ihres jeweiligen Energiebedarfs beurteilt werden. Zwar führe Digitalisierung häufig zur Effizienzsteigerung, ob diese jedoch wirklich nachhaltig sei, hänge vom jeweiligen Anwendungsfall ab. Esri schloss an diese Argumentation an. Das Unternehmen teilte den Standpunkt, dass Digitalisierung und KI nicht sinnvoll getrennt betrachtet werden könnten und verwies dabei auf den Maßstab der Bewertung: Eine Bewertung der Nachhaltigkeit setze voraus, dass der Ressourcenverbrauch von KI bekannt sei. Dies sei aufgrund der derzeit noch geringen Transparenz über den Energie- und Wasserverbrauch von KI-Modellen jedoch kaum möglich. Zudem sei fraglich, ob sich der Ressourcenverbrauch von KI überhaupt sinnvoll gegen den Aufwand menschlicher Arbeit aufrechnen lasse.
JaMoin entwickelt individuelle Software, Webanwendungen und Apps und unterstützt Unternehmen bei der Umsetzung nachhaltiger digitaler Lösungen.
Prior1 plant, baut und betreibt energieeffiziente Rechenzentren, Serverräume und IT-Infrastrukturen und bietet Service- und Colocation-Lösungen für Unternehmen an.
Nachhaltigkeit zwischen Regulierung, Marktanforderungen und Unternehmenskultur
An die Diskussion über die Nachhaltigkeitsbewertung digitaler Technologien schloss sich die Frage an, unter welchen Bedingungen nachhaltiges Handeln von Unternehmen entsteht. windCORES zufolge würden nachhaltige Entwicklungen im Wesentlichen durch zwei Faktoren angetrieben: regulatorische Vorgaben und ökonomische Anreize. Demzufolge setzten sich nachhaltige Technologien insbesondere dann durch, wenn sie sowohl ressourcenschonender als auch wirtschaftlich attraktiver seien. Allerdings erschwerten kurzfristige und unvorhersehbare Änderungen regulatorischer Vorgaben diese Entwicklungen. Sustamize knüpfte daran an und bezeichnete regulatorische Vorgaben als zentralen Motor nachhaltiger Entwicklungen, denn neue gesetzliche Anforderungen führten dazu, dass Unternehmen vermehrt nachhaltige Technologien nachfragten. Gleichzeitig habe beispielsweise die Omnibus-Initiative mit verschobenen Berichtspflichten und geänderten Schwellenwerten für die Anwendung den Markt für Nachhaltigkeitsreporting-Software in kurzer Zeit erheblich einbrechen lassen. Esri stimmte dieser Einschätzung ausdrücklich zu und berichtete ebenfalls von einem deutlichen Nachfragerückgang im Bereich Nachhaltigkeitsreporting infolge der Omnibus-Initiative. JaMoin bestätigte diese Problematik anhand einer individuell entwickelten Software für soziale Einrichtungen: Infolge veränderter Berichtspflichten sei die Nachfrage nach dieser Lösung stark eingebrochen. Eine gegenteilige Entwicklung nannte JaMoin bei digitalen Lösungen für Ökostromzertifikate, deren Entwicklung auf die Nachfrage von Endkundinnen und Endkunden zurückgehe. Die Diskussion verdeutlichte, dass Investitionen in nachhaltige Technologien verlässliche und langfristige Rahmenbedingungen sowie eine hinreichende Nachfrage voraussetzen.
Jenseits regulatorischer Faktoren stellten die Unternehmen die Unternehmenskultur als einen zentralen Einflussfaktor auf Nachhaltigkeit heraus. Nachhaltigkeit gehöre vielfach zum Selbstverständnis der Unternehmen oder sei bereits in ihren Produkten und Dienstleistungen angelegt. So nannte Esri die persönliche Überzeugung der Unternehmensführung als entscheidenden Faktor, der nachhaltiges Handeln auch unabhängig von gesetzlichen Vorgaben vorantreiben könne. JaMoin, windCORES und Prior1 knüpften daran an und betonten, Nachhaltigkeit müsse innerhalb des Unternehmens verankert und im Arbeitsalltag von Führungskräften sowie Mitarbeitenden vorgelebt werden, da beide selbst wichtige Träger nachhaltiger Entwicklungen seien. Die Diskussion machte deutlich, dass nachhaltiges Handeln aus Sicht der Unternehmen erst dann langfristig Bestand hat, wenn es über regulatorische Vorgaben hinaus in der Unternehmenskultur verankert ist.
Sustamize stellt Daten, Logik und Tools zur Berechnung von CO₂-Emissionen und zur datenbasierten Steuerung von Nachhaltigkeit in Unternehmen zur Verfügung. 
Esri entwickelt Geoinformationssysteme und Location-Intelligence-Lösungen zur Analyse räumlicher Daten sowie zur Unterstützung nachhaltiger Entscheidungen.
windCORES entwickelt nachhaltige Cloud- und Rechenzentrumslösungen, bei denen Rechenzentren direkt in Windenergieanlagen betrieben und mit erneuerbarer Energie versorgt werden.
Fazit
Insgesamt verstehen die Unternehmen Digitalisierung als eine Voraussetzung für nachhaltiges Handeln, nicht jedoch als Nachhaltigkeit an sich. Digitale Technologien schaffen die Möglichkeit, komplexe Prozesse transparent zu machen, Ressourcenverbräuche zu messen und Nachhaltigkeit systematisch zu steuern. Ob diese tatsächlich zur Nachhaltigkeit beitragen, entscheidet sich erst in der Anwendung. Nachhaltigkeit entsteht aus ihrer Sicht erst dann, wenn Digitalisierung zu einer ökologisch und zugleich wirtschaftlich effizienteren Nutzung von Ressourcen beiträgt. Ob sich hierfür notwendige nachhaltige Technologien langfristig etablieren, hängt dabei nicht allein von regulatorischen Rahmenbedingungen ab. Entscheidender ist eine Unternehmenskultur, in der Nachhaltigkeit als Überzeugung von Geschäftsführung und Mitarbeitenden verankert ist und dadurch auch unter veränderten politischen oder wirtschaftlichen Bedingungen Bestand hat.