1
2
3
4
5
6

Menschzentrierte Gestaltung und Technikethik lassen sich bereits mit einfachen Maßnahmen frühzeitig in Entwicklungsprozesse integrieren. Dieser Beitrag zeigt praxisnahe Ansätze, mit denen Unternehmen bessere Produkte entwickeln und Risiken von Anfang an mitdenken können.

Im ersten Teil dieses Beitrags wurde erläutert, warum menschzentrierte Gestaltung und Technikethik von Anfang an in den Entwicklungsprozess integriert werden sollten – nämlich dann, wenn grundlegende Entscheidungen über Ziele, Funktionen und Wirkungen eines Produkts getroffen werden. In diesem zweiten Teil werden konkrete Maßnahmen vorgestellt, damit die Integration dieser Konzepte in die eigenen Entwicklungsprozesse gut gelingt.

Die frühzeitige Berücksichtigung von menschzentriertem Design und Technikethik erfordert nicht zwangsläufig große Budgets oder spezialisierte Mitarbeitende. Viele Maßnahmen lassen sich bereits mit einfachen Mitteln umsetzen. Entscheidend ist vor allem, die richtigen Fragen frühzeitig zu stellen:

Nutzer:innen früh einbeziehen:

Eine häufige Ursache für gescheiterte Produkte ist die Annahme, dass man bereits wisse, was die Zielgruppe benötigt. In der Praxis unterscheiden sich diese Annahmen jedoch oft von den tatsächlichen Bedürfnissen. Deshalb sollten Unternehmen bereits vor der Entwicklung mit Menschen sprechen, die das Produkt später nutzen sollen. Schon fünf bis zehn Gespräche können wertvolle Erkenntnisse liefern. Dabei sollten nicht nur Fragen zur gewünschten Lösung gestellt werden, sondern auch die Rahmenbedingungen und Herausforderungen der Nutzer:innen verstanden werden: Welche Probleme treten auf? Welche Aufgaben sind besonders mühsam? Welche bisherigen Lösungen wurden genutzt? Was frustriert die Menschen im aktuellen Prozess?

Praxisbeispiel: Ein Start-up möchte eine digitale Terminbuchungsplattform entwickeln. Statt sofort Funktionen zu programmieren, führt das Team zunächst Gespräche mit Arztpraxen und Patient:innen. Dabei stellt sich heraus, dass nicht die Terminbuchung das größte Problem ist, sondern kurzfristige Terminabsagen. Diese Erkenntnis verändert die gesamte Produktstrategie.

Zuerst das Problem verstehen, dann die Lösung entwickeln:

Begeisterte Teams beginnen häufig mit einer konkreten Lösungsidee. Erfolgreicher ist jedoch meist der umgekehrte Weg. Zunächst sollte jedoch klar verstanden werden, welches Problem überhaupt gelöst werden soll. Eine hilfreiche Leitfrage lautet: Welches konkrete Problem würden unsere Nutzer:innen haben, wenn es unser Produkt nicht gäbe?

Wenn diese Frage nicht eindeutig beantwortet werden kann, lohnt es sich, die Problemdefinition nochmals zu schärfen.

Praxisbeispiel: Ein Unternehmen plant eine KI-gestützte Wissensdatenbank. Im Austausch mit Mitarbeitenden wird jedoch deutlich, dass die eigentliche Herausforderung nicht die Suche nach Informationen ist, sondern dass vorhandene Informationen veraltet sind. Die Investition in eine neue KI-Lösung würde das eigentliche Problem daher nicht lösen.

Alle Personen berücksichtigen, die von dem Produkt betroffen sind:

Oft konzentrieren sich Unternehmen ausschließlich auf die direkten Nutzer:innen des Produkts. Viele Technologien beeinflussen jedoch auch Menschen, die das Produkt gar nicht selber bedienen. Deshalb sollte frühzeitig überlegt werden: Wer nutzt das Produkt direkt? Wer arbeitet mit den Ergebnissen des Produkts? Wer könnte durch die Nutzung benachteiligt werden? Wer trägt die Folgen möglicher Fehler?

Eine einfache Methode besteht darin, alle betroffenen Gruppen auf einem Whiteboard oder in einem Workshop sichtbar zu machen und deren Erwartungen sowie mögliche Risiken zu diskutieren.

Praxisbeispiel: Eine Software zur automatischen Schichtplanung wird von Führungskräften genutzt. Die Auswirkungen betreffen jedoch vor allem die Mitarbeitenden, deren Arbeitszeiten durch die Software festgelegt werden. Werden ihre Bedürfnisse nicht berücksichtigt, kann dies zu Unzufriedenheit oder Akzeptanzproblemen führen.

Regelmäßig über mögliche Risiken sprechen:

Technikethik muss kein komplexer Prozess sein. Oft reicht es aus, ethische Fragestellungen als festen Bestandteil von Projektbesprechungen zu etablieren. Vor wichtigen Entscheidungen kann ein Team beispielsweise gemeinsam relevante Fragen diskutieren: Wer profitiert von dieser Funktion? Wer könnte dadurch Nachteile erfahren? Welche unerwünschten Folgen sind denkbar? Können bestimmte Gruppen ausgeschlossen oder benachteiligt werden? Wie würden wir unsere Entscheidung öffentlich erklären?

Bei diesen ethischen Reflektionen geht es nicht darum, jegliches Risiko vollständig auszuschließen. Vielmehr ist das Ziel, Risiken frühzeitig sichtbar zu machen und bewusst mit ihnen umzugehen.

Praxisbeispiel: Ein Unternehmen entwickelt ein KI-System zur Bewerberauswahl. In einer frühen Projektsitzung wird diskutiert, ob historische Bewerbungsdaten möglicherweise bestehende Benachteiligungen bestimmter Gruppen enthalten. Dadurch wird das Problem erkannt, bevor die KI trainiert wird.

Unterschiedliche Perspektiven in Entscheidungen einbeziehen:

Je ähnlicher die Menschen in einem Projektteam denken, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass wichtige Aspekte übersehen werden. Deshalb sollten wichtige Entscheidungen möglichst nicht ausschließlich von Entwickler:innen getroffen werden. Stattdessen sollten vielfältige Perspektiven eingebunden werden, beispielsweise Kundenservice, Vertrieb, Datenschutz, Recht, Marketing und Management.

Diese Personen erleben unterschiedliche Probleme und Anforderungen im Unternehmensalltag und können Risiken oder Chancen erkennen, die anderen verborgen bleiben.

Praxisbeispiel: Ein Entwicklungsteam möchte umfangreiche Nutzungsdaten sammeln, um ein Produkt zu verbessern. Die Datenschutzbeauftragte weist darauf hin, dass einige Daten für das angestrebte Ziel gar nicht erforderlich sind. Dadurch wird die Lösung datensparsamer und das Risiko späterer Konflikte sinkt.

Ideen früh testen statt erst kurz vor der Veröffentlichung:

Viele Unternehmen präsentieren ihr Produkt erstmals, wenn es nahezu fertig entwickelt ist. Zu diesem Zeitpunkt sind grundlegende Änderungen jedoch meist teuer und aufwendig. Stattdessen sollten Konzepte möglichst früh getestet werden. Dafür sind keine fertigen Systeme notwendig. Bereits einfache Skizzen, Klick-Dummys oder erste Entwürfe können wertvolle Rückmeldungen liefern.

Hilfreiche Fragen sind beispielsweise: Verstehen die Nutzer:innen den Zweck der Anwendung? Finden sie wichtige Funktionen? Gibt es Missverständnisse? Entstehen Bedenken hinsichtlich Datenschutz, Fairness oder Vertrauen?

Praxisbeispiel: Ein Start-up testet einen App-Prototypen bereits in einer frühen Entwicklungsphase. Dabei zeigt sich, dass Nutzer:innen eine zentrale Funktion völlig anders interpretieren als vom Entwicklungsteam vorgesehen. Die entsprechende Anpassung dauert wenige Tage. Nach der Programmierung hätte dieselbe Änderung mehrere Wochen Arbeit bedeutet.

Erfolg nicht nur an technischen Kennzahlen messen

Viele Projekte bewerten ihren Erfolg (ausschließlich) anhand von Kennzahlen wie Geschwindigkeit, Funktionsumfang oder Nutzerzahlen. Für eine menschzentrierte und verantwortungsvolle Entwicklung sollten jedoch auch Fragen berücksichtigt werden wie: Sind die Nutzer:innen mit der Lösung zufrieden? Wird das Produkt tatsächlich genutzt? Verstehen die Menschen die Entscheidungen des Systems? Entstehen Beschwerden oder Vertrauensprobleme? Werden bestimmte Gruppen benachteiligt?

Diese Informationen helfen dabei, nicht nur technisch funktionierende, sondern langfristig erfolgreiche Produkte zu entwickeln.

Verantwortung als Teil der Unternehmenskultur etablieren:

Human-Centered Design und Technikethik funktionieren langfristig nur dann, wenn sie nicht als einmalige Projekte verstanden werden. Unternehmen sollten deshalb eine Kultur fördern, in der das Stellen von Fragen als hilfreich und erwünscht angesehen wird.

Diese könnten sein: Für wen entwickeln wir diese Funktion eigentlich? Welches Problem lösen wir damit? Welche Folgen könnte diese Entscheidung haben? Haben wir die betroffenen Menschen ausreichend einbezogen?

Wenn solche Fragen selbstverständlich werden, entstehen bessere Entscheidungen ganz ohne zusätzliche Prozesse oder Bürokratie.

Fazit

Menschzentrierte Gestaltung und Technikethik müssen keine komplexen oder ressourcenintensiven Zusatzaufgaben sein. Bereits kleine Maßnahmen können dazu beitragen, Risiken frühzeitig zu erkennen, Nutzerbedürfnisse besser zu verstehen und fundierte Entscheidungen zu treffen. 

Wer sein Wissen über die hier vorgestellten Fragen und Methoden vertiefen möchte, findet in unserem kostenlosen Online-Kurs zu Human-Centered Design und Usability weiterführende Informationen und praktische Methoden (Link).

10.08.26

1
2
3
4
5
6
 
Das Mittelstand-Digital Netzwerk bietet mit den Mittelstand-Digital Zentren und der Initiative IT-Sicherheit in der Wirtschaft umfassende Unterstützung bei der Digitalisierung. Kleine und mittlere Unternehmen profitieren von konkreten Praxisbeispielen und passgenauen, anbieterneutralen Angeboten zur Qualifikation und IT-Sicherheit. Das Bundesministerium für Wirtschaft und Energie ermöglicht die kostenfreie Nutzung der Angebote von Mittelstand-Digital. Weitere Informationen finden Sie unter www.mittelstand-digital.de.