Der weltweite Strombedarf hat sich seit der Jahrtausendwende mehr als verdoppelt und ist von 15 000 auf über 30 000 TWh pro Jahr gestiegen [1]. Deutschland ist dabei mit 464 TWh der Staat mit dem neuntgrößten Stromverbrauch weltweit [2]. Die Energieerzeugung verursacht den größten CO₂-Ausstoß (knapp 40 %, [3]). Nicht zuletzt durch die in Deutschland angestoßene Energiewende konnten die Emissionen zwar bereits um 61 % gesenkt werden, dennoch bleibt die Energiewirtschaft auch hierzulande der emissionsstärkste Sektor [4].
Seit 2020 stammt in Deutschland mehr als die Hälfte des Stromverbrauchs aus erneuerbaren Energien [5]. Diese Entwicklung hat technische, strukturelle und gesellschaftliche Folgen. Weithin sichtbar sind die Landschaftsveränderungen durch den Ausbau von Wind- und Solarenergie. Da diese Energiequellen volatil sind, erfordern sie aber auch Anpassungen wie den Ausbau von Speichern und eine flexiblere Verbrauchssteuerung. Gleichzeitig ermöglichen sie eine dezentrale Stromerzeugung und -nutzung. Die jüngsten Stromausfälle in Berlin zeigen: Eine zentrale Energieversorgung kann anfällig sein und weitreichende Beeinträchtigungen des öffentlichen Lebens nach sich ziehen. Dezentrale Energieproduktion, etwa in Energiegemeinschaften oder durch Balkonkraftwerke, erhöht die Resilienz und ermöglicht eine aktive Beteiligung von Bürgerinnen und Bürgern an der Energiewende.
Derzeit profitieren aber bestimmte Personengruppen auf globaler, nationaler und regionaler Ebene mehr oder weniger von dieser Transformation. Studien zu Erneuerbaren Energiegemeinschaften in Europa und Deutschland [11], [12] zeigen, dass sich in der Praxis vor allem hoch gebildete Männer der Mittelklasse beteiligen. Dies steht im Gegensatz zur EU-Richtlinie RED II (Art. 2, Abs. 4f), die eine gerechte und für alle Verbraucher:innen offene Beteiligung, einschließlich einkommensschwacher Haushalte, ausdrücklich vorsieht.
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Hinweis: Personen, die ihre Perspektive zu Energiegemeinschaften und Fragen der Gerechtigkeit einbringen möchten, können gern an der Befragung unseres Projektpartners TU Chemnitz teilnehmen: |
Auch ländliche Räume sind durch den Ausbau erneuerbarer Energien stärker von Veränderungen betroffen als städtische Gebiete, verbrauchen jedoch aufgrund geringerer Bevölkerungsdichte weniger Energie. Zur Verringerung dieser Stadt-Land-Ungleichheiten wird in einer Publikation des Umweltbundesamts (2024, [10]) „Energiegerechtigkeit herstellen“ gefordert.
Was bedeutet Energiegerechtigkeit?
Energiegerechtigkeit basiert auf philosophischen Vorstellungen zu Gerechtigkeit, die kulturell und religiös geprägt sind. Moderne Konzepte konzentrieren sich auf Fairness und faire soziale Strukturen, die eine gerechte Verteilung von Gütern und Dienstleistungen ermöglichen [6]. Über die Verteilungsgerechtigkeit hinaus spielt für Energiegerechtigkeit Anerkennungs- und Verfahrensgerechtigkeit eine Rolle [7], d.h. unterschiedliche Bedürfnisse der Energieversorgung werden anerkannt und Entscheidungsprozesse partizipativ gestaltet.
Die drei Kernaspekte der Energiegerechtigkeit im Detail [8], [9]
Verteilungsgerechtigkeit: Dabei geht es um die faire Verteilung von Vor- und Nachteilen, die durch die örtliche Energieproduktion entstehen – sowohl bei der Herstellung als auch beim Verbrauch. Dazu gehören physische und finanzielle Auswirkungen, Beispiel: die verringerte Gefährdung der Anwohner durch das Abschalten von Atomkraftwerken.
Anerkennungsbezogene Gerechtigkeit: Dafür muss analysiert werden, welche Gesellschaftsgruppen übersehen, benachteiligt oder falsch dargestellt oder verstanden werden. Sie fordert gleiche Rechte und Schutz vor physischen Gefahren für alle. Beispiel: Kranke Menschen, die höhere Raumtemperaturen benötigen, deswegen mehr Energie verbrauchen aber nicht weniger über Energieeffizienz wissen.
Prozedurale Gerechtigkeit: Es wird betrachtet, wie Entscheidungsträger Personen(gruppen) einbeziehen oder ausschließen. Dazu gehören indigene Gruppen und die Einbindung deren Wissens oder transparente Informationsbereitstellung für alle. Beispiel: institutionelle Repräsentation von Geschlechtern in Führungspositionen und Aufsichtsräten der Energiebranche.
Wie kann Energiegerechtigkeit berücksichtigt werden?
Überall da wo Energieentscheidungen getroffen werden, schlagen Sovacool und Dworkin [6] folgende kurzgefasste Kriterien vor:
- Zugang: Jeder erhält ausreichende, hochwertige Energie.
- Bezahlbarkeit: Energie kostet max. 10 % des Einkommens.
- Faire Prozesse: Menschenrechte und Transparenz wahren.
- Gute Regierungsführung: Offener Zugang zu Energieinformationen und fairer Entscheidungsfindung.
- Nachhaltigkeit: Ressourcen schonen.
- Gerechtigkeit heute: Fairer Zugang zu Enerergiedienstleistungen für alle.
- Gerechtigkeit morgen: Energiesysteme heute sollten künftige Generationen schützen.
- Verantwortung: Umweltbedrohungen minimieren.
Im folgenden Artikel unserer Serie widmen wir uns ausführlicher den Auswirkungen ungerechter Energieentscheidungen und gefährdeter Bezahlbarkeit von Energie.
Referenzen
[1] Ember. (2025). Entwicklung des weltweiten Strombedarfs in den Jahren von 2000 bis 2024 (in Terawattstunden) [Graph]. Statista. Zugriff am 27. Januar 2026, von https://de.statista.com/statistik/daten/studie/1493663/umfrage/entwicklung-des-strombedarfs-weltweit/
[2] Enerdata. (2025). Größte Länder weltweit nach ihrem Stromverbrauch im Jahr 2024 (in Terawattstunden). Statista. Zugriff am 27. Januar 2026, von https://de.statista.com/statistik/daten/studie/151356/umfrage/stromverbrauch-ausgewaehlter-laender-weltweit/
[3] EDGAR/JRC. (2025). Verteilung der CO₂-Emissionen weltweit nach Sektor 2024. Statista. Zugriff am 27. Januar 2026, von https://de.statista.com/statistik/daten/studie/167957/umfrage/verteilung-der-co-emissionen-weltweit-nach-bereich/
[4] Umweltbundesamt. (2025). CO₂-Emissionen in Deutschland nach Sektor in den Jahren 2023 und 2024 (in Millionen Tonnen CO₂). Statista. Zugriff am 27. Januar 2026, von de.statista.com/statistik/daten/studie/312450/umfrage/treibhausgasemissionen-in-deutschland-nach-quellgruppe/
[5] Fraunhofer ISE. (2025). Anteil erneuerbarer Energien an der Stromerzeugung in Deutschland in den Jahren 2004 bis 2024 [Graph]. In Statista. Zugriff am 28. Januar 2026, von https://de.statista.com/statistik/daten/studie/1058899/umfrage/erneuerbare-energien-anteil-an-der-stromerzeugung-in-deutschland/
[6] Sovacool, B. K., & Dworkin, M. H. (2015). Energy justice: Conceptual insights and practical applications. Applied energy, 142, 435-444.
[7] Santos, J. B., Scharnigg, R., Monteiro, J., & Pacheco, A. (2025). Fair shares or smart savings? Exploring business models, justice and efficiency trade-offs in Portuguese energy communities. Energy Research & Social Science, 125, 104102.
[8] Jenkins, K., McCauley, D., Heffron, R., Stephan, H., & Rehner, R. (2016). Energy justice: A conceptual review. Energy research & social science, 11, 174-182.
[9] Bidwell, D., & Sovacool, B. K. (2023). Uneasy tensions in energy justice and systems transformation. Nature Energy, 8(4), 317-320.
[10] Blecken, L., Schmidt, C., Meier, M., Seidler, K., Pietsch, M., Fritzsch, S., Greiving, S., Schödl, L., Jorg, L., Dettmar, J., Blomenkemper, S., & Köck, W. (2025). Stadt und Land: Gleichwertige Lebensverhältnisse unter Ausgestaltung nachhaltiger Raumbeziehungen. Abzurufen unter: https://www.umweltbundesamt.de/publikationen/stadt-land-gleichwertige-lebensverhaeltnisse-unter
[11] Hanke, F., Guyet, R., & Feenstra, M. (2021). Do renewable energy communities deliver energy justice? Exploring insights from 71 European cases. Energy Research & Social Science, 80, 102244.
[12] Hanke, F., & Guyet, R. (2023). The struggle of energy communities to enhance energy justice: insights from 113 German cases. Energy, sustainability and society, 13(1), 16.