Doch es gibt einen weiterführenden Ansatz, der nachhaltige Effekte in der Barrierefreiheit erzielt: Ability-Based Design. Statt Defizite oder Einschränkungen in den Mittelpunkt zu stellen, fokussiert dieser Ansatz auf die Fähigkeiten (Abilities) von Menschen und gestaltet Systeme so, dass sie sich flexibel an unterschiedliche Fähigkeiten anpassen.
Dieser Perspektivwechsel eröffnet gerade für kleine und mittlere Unternehmen neue Chancen.
Was ist Ability-Based Design?
Ability-Based Design geht davon aus, dass Menschen unterschiedliche sensorische, motorische und kognitive Fähigkeiten mitbringen, sowohl situativ als auch dauerhaft.
Der zentrale Gedanke:
Nicht der Mensch passt sich dem System an – das System passt sich den Fähigkeiten des Menschen an.
Das bedeutet zum Beispiel:
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Interfaces reagieren flexibel auf unterschiedliche Eingabemethoden
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Inhalte lassen sich an individuelle Bedürfnisse anpassen
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Nutzungshürden werden nicht nur kompensiert, sondern aktiv reduziert
Der Fokus verschiebt sich von „Barrieren entfernen“ hin zu „Nutzung ermöglichen“.
Vorteile von Ability-Based Design
Es gibt drei maßgebliche Vorteile, die sich für KMUs ergeben, wenn sie Ability-Based Design einsetzen.
- Zukunftsichere Produkte statt Minimal-Compliance
Wer nur Normen erfüllt, reagiert nur auf externe Anforderungen. Wer Ability-Based Design verfolgt, entwickelt Produkte, die langfristig robuster und anpassungsfähiger sind. - Größere Zielgruppe
Barrierearme Produkte sind nicht nur für Menschen mit Behinderungen relevant. Situative Einschränkungen betreffen alle unter dem an anderer Stelle beschriebenen Curb-Cut-Effekt: Nutzung bei schlechtem Licht, Bedienung mit einer Hand, Lärm in der Umgebung, oder kognitive Überlastung. Ability-Based Design adressiert diese Vielfalt systematisch. -
Innovationspotenzial statt Pflichtübung
Wenn Barrierefreiheit nicht als juristische Notwendigkeit, sondern als Gestaltungsprinzip verstanden wird, entstehen neue Lösungen: alternative Interaktionsformen, adaptive User Interfaces, oder kontextabhängige Assistenzfunktionen. Das kann zum echten Differenzierungsmerkmal werden.
Über Checklisten hinaus: Der Unterschied im Denken
Checklisten und Normen sind wichtig. Sie definieren Mindeststandards. Doch sie beantworten primär die Frage:
Ist etwas regelkonform?
Ability-Based Design fragt stattdessen:
Wer kann dieses Produkt tatsächlich nutzen und wer nicht?
Dieser Perspektivwechsel führt zu anderen Designentscheidungen. Statt nur Kontraste zu prüfen, wird Lesbarkeit in realen Nutzungssituationen getestet oder, um die Tastaturbedienbarkeit sicherzustellen, werden alternative Eingabemuster exploriert. Statt Screenreader-Kompatibilität in Ausnahmefällen zu prüfen, werden Informationsarchitekturen grundsätzlich vereinfacht. Barrierefreiheit wird dadurch integraler Bestandteil der Produktstrategie.
Kultureller Wandel: Vom Defizit- zum Fähigkeitsmodell
Ability-Based Design erfordert auch ein Umdenken in der Organisation. Weg von der Praxis, Menschen nach "Einschränkungen" zu kategorisieren, hin zur Vielfalt als Normalität. Das wirkt sich nicht nur auf Produkte, sondern auch auf interne Prozesse, Kommunikation und Teamkultur aus.
Weitere Quellen:
Das originale Konzept von Ability-Based Design wird in diesem frei verfügbaren wissenschaftlichen Artikel erläutert.
Einblicke in die Implikationen von Ability-Based Design für die UX-Design-Praxis werden in einem Beitrag der Fronta11y-Reihe dargestellt.
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Adrian Wegener
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