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Wenn es um Digitalisierung geht, werden oft Effizienz, Automatisierung oder datengestützte Entscheidungen als Vorteile hervorgehoben. Aber gilt das auch für Demokratie und Digitalisierung? Auf dem KOSMOS Demokratie-Festival 2026 haben wir mit vier Organisationen darüber gesprochen, wie digitale Tools die repräsentative Demokratie unterstützen können. Wir nehmen Sie noch einmal auf das Festival mit und zeigen, welche Rolle Digitalisierung für das 16. Nachhaltigkeitsziel „Frieden, Gerechtigkeit und starke Institutionen“ spielen kann – und wo ihre Grenzen liegen.

Im Rahmen der Feldanalysen des Mittelstand‑Digital Zentrums Fokus Mensch untersuchen wir, wie Unternehmen auf ihren Webseiten Digitalisierung und Nachhaltigkeit miteinander verknüpfen. Dabei richtet sich unser Blick auch auf die Frage, welchen Beitrag die Digitalbranche zu „Frieden, Gerechtigkeit und starke Institutionen“ – dem 16. Nachhaltigkeitsziel der Agenda 2030 – leisten kann. Dieses Ziel fordert Entscheidungsprozesse, die auf allen Ebenen bedarfsorientiert, inklusiv, partizipativ und repräsentativ gestaltet sind.

Auf dem KOSMOS Demokratie‑Festival 2026 in Chemnitz haben wir mit vier Organisationen gesprochen, die digitale Tools genau für diesen Zweck entwickeln. Die Diskussion zeigte: Digitale Tools können demokratische Prozesse unterstützen und zugänglicher machen, doch sie ersetzen die menschliche Aushandlung nicht – und dürfen es auch nicht. Damit unterscheidet sich das Digitalisierungsversprechen im Kontext von SDG 16 von denjenigen, die wir aus unseren Analysen zu anderen Nachhaltigkeitszielen wie SDG 13 kennen.


Die vier Gäste auf dem Podium

  • Franziska Hollstein vom Demokratie-Wegweiser gUG – einem gemeinnützigen Online-Tool, das auf Webseiten von Kommunen eingebettet werden kann, damit Bürger:innen mit gewählten mandatstragenden Ansprechpersonen unkompliziert in Kontakt treten können.

  • Carolin Klingsporn von Liquid Democracy e.V. – einem Verein, der digitale Werkzeuge entwickelt, um politische Beteiligung kontinuierlicher, transparenter und flexibler zu gestalten.

  • Kai Schächtele von Mehr Demokratie e.V. – einem Verein, der sich für direkte Demokratie, starke Bürgerrechte und Beteiligungsformate wie Volksentscheide und Bürgerräte einsetzt.

  • Lukas Salecker von DeliberAIde – einer KI-basierten Software, die den Dialog als Kernidee einer deliberative Demokratie „strukturiert“, d.h. erfasst und analysiert und so Kommunen sowie Organisationen bei dialogorientierten Entscheidungsprozessen unterstützt.


Digitale Tools als wichtige Hilfsmittel

Schon in der Vorstellungsrunde betonte Franziska Hollstein vom Demokratie Wegweiser e.V., dass ihr Tool bewusst eine explizit begrenzte, unterstützende Funktion erfüllt. Der Demokratie Wegweiser wird von Kommunen auf deren Webseiten eingebettet und soll so Bürger:innen helfen, die richtigen Ansprechpartner:innen in Parlamenten zu finden – auf kommunaler, Landes-, Bundes- oder EU‑Ebene. Mehr leistet die Anwendung nicht und soll sie auch gar nicht. Die inhaltlichen Anliegen bleiben vollständig bei den Bürger:innen und ihren Ansprechpartner:innen selbst. Das ist nicht nur eine Frage des Datenschutzes, sondern Ausdruck eines demokratischen Prinzips: Einfluss entsteht durch Menschen, nicht durch Tools. Wird ein Anliegen gehört, ist es nicht der Demokratie Wegweiser, der etwas erreicht hat – sondern die Bürger:innen selbst. Die Erfahrung, gehört zu werden, so Franziska Hollstein, darf nicht weggenommen werden.

Ebenfalls auf die Unterstützung demokratischer Teilhabe zielt die modulare Beteiligungsplattform von Liquid Democracy e.V. ab. Durch ihre kostenfreie Bereitstellung kann sie von unterschiedlichen Anwendergruppen in vielfältigen Kontexten genutzt werden. Aber auch hier betont Carolin Klingsporn: Das Tool ist nur die „halbe Miete“, wenn es um die Verwirklichung einer Kultur der demokratischen Mitgestaltung geht. Digitale Beteiligung soll und kann die Mitgestaltung um den digitalen Raum erweitern, aber keine analogen Treffen ersetzen. Digitale Tools sind als Ergänzung gedacht, nicht als Ersatz für persönliche Begegnung und Aushandlung. 

Auch Kai Schächtele vom Mehr Demokratie e.V. berichtet vom Einsatz ihrer modularen Bürgerbeteiligungsplattformnamens Consul. Aus seiner Sicht bilden solche Tools eine wichtige Grundlage, um den Weg zu mehr direkter Demokratie praktikabel gehen zu können. Direkte Demokratie versteht der Verein als Chance, Entscheidungen entlang konkreter Sachfragen herbeizuführen – nicht nur alle paar Jahre an der Wahlurne. Doch auch hier gilt: Die Tools machen Verfahren realisierbar und zugänglich, aber sie ersetzen nicht die politische Auseinandersetzung selbst.

Den Fokus auf die inhaltlichen Auseinandersetzungen legt die Softwarelösung DeliberAIde von Lukas Salecker und seinem Team. Diese transkribiert, dokumentiert und analysiert Gespräche, Diskussionen und Debatten mithilfe von KI. Doch auch hier bleibt zentral: Demokratie entsteht im Gespräch zwischen Menschen. Das Tool kann helfen, sprachliche Hürden abzubauen, sodass sich jede:r – unabhängig von Sprache oder Ausdrucksweise – einbringen kann. Gleichzeitig soll es Prozessverantwortliche überall dort entlasten, wo Entscheidungen vorbereitet und getroffen werden müssen, also auch in Organisationen. Die Software schafft Struktur und Barrierefreiheit, aber der eigentliche Kern liegtim Dialog, nicht in einem Algorithmus oder Sprachmodell.

Digitale Tools können demokratische Prozesse strukturieren, erleichtern und zugänglicher machen, doch sie bleiben Hilfsmittel, während die eigentliche Aushandlung immer bei den Bürger:innen liegt, beziehungsweise übertragen auf andere Anwendungsfälle etwa bei den Mitarbeiter:innen. Die Hilfsmittel-Funktion zeigte sich auch, wenn es um die Frage geht: Wer überhaupt spricht mit?

Zwischen analogen Räumen und digitalen Tools

Die Diskussion auf dem Panel machte deutlich, dass digitale Beteiligung nicht allein im digitalen Tool beginnt, sondern dort, wo Menschen sich ohnehin aufhalten, suchen oder sprechen wollen. Der Demokratie Wegweiser wird deshalb bewusst in bestehende Informationswege eingebettet, etwa auf kommunalen Webseiten, damit Bürger:innen ihn dort finden, wo sie auch Unterstützung erwarten. Liquid Democracy betont ausgehend von Zugangshürden zur Beteiligungsplattform, dass Beteiligung an Alltagsorten entsteht – im Späti, im Quartier, im Verein – und digitale Tools an diese Räume anknüpfen müssen. Und wie lautet die Antwort auf die Frage, wer bei digitalen Plattformen wie Consul (Mehr Demokratie e.V.) mitspricht? Diejenigen, die auch Selbstwirksamkeit denken und erleben. Digitale Beteiligung muss daher in verbindliche Prozesse eingebettet sein. Und die Arbeit von DeliberAIde setzt überhaupt erst ein, wenn diskutiert wird. Insgesamt wird damit deutlich: Digitale Tools können Beteiligung erleichtern und sichtbar machen, doch der Zugang zur Mitwirkung entsteht in erster Linie im sozialen, analogen Umfeld. 

Hier wird eine Erkenntnis sichtbar, die sich auf den Einsatz digitaler Tools in Organisationen übertragen lässt, auch wenn sie keineswegs neu ist: Digitale Tools funktionieren nur, wenn sie in bestehende Wege, Routinen und Beziehungen eingebettet sind. Digitale Tools senken allein keine Hemmschwellen – Orte und ihre Menschen tun das. Deshalb müssen Tools im Arbeitsalltag verankert, persönlich eingeführt und durch Aushandlung legitimiert werden. Und wie in demokratischen Prozessen gilt auch in anderen partizipativen Entscheidungsprozessen: Digitale Tools verstärken Beteiligung, aber sie erzeugen sie nicht. Erst wenn Selbstwirksamkeit erfahrbar ist, Verantwortlichkeiten klar sind und Vorschläge sichtbar bearbeitet werden, entfalten digitale Lösungen ihren Wert. Beteiligung – ob in der Politik oder in Organisationen – bleibt ein analoger Prozess, den digitale Tools unterstützen, aber nicht ersetzen.

Grenzen und Gefahren digitaler Tools für die Demokratie

Die Diskussion machte zugleich deutlich, dass die Rolle digitaler Tools über ihre unterstützende Funktion hinaus klare Grenzen hat. Nach Ansicht der Panelteilnehmenden gibt es gesellschaftlich besonders sensible Themen, die nicht in den digitalen Raum verlagert werden sollten. Als Beispiel nannte Carolin Klingsporn die Diskussion um Schwangerschaftsabbrüche. Nicht jede demokratische Auseinandersetzung profitiert von Digitalisierung; manche benötigen geschützte Räume, persönliche Begegnung und Austausch. Die Frage ist daher nicht nur, wie digitale Beteiligung gestaltet werden kann, sondern auch, wo sie an ihre Grenzen stößt.

Besonders für KI trifft dies nach Ansicht der Panelteilnehmenden zu. KI kann demokratische Prozesse unterstützen – wie es DeliberAIde zum Ziel hat. Sie sollte aus Sicht von Lukas Salecker jedoch weder Beratung noch Entscheidungsfindung automatisieren. Als Risiken wurden aus der Runde im Weiteren mögliche Verzerrungen von Beiträgen, mangelnde Transparenz, Datenschutzfragen sowie die Konzentration von KI-Entwicklung und Kontrolle bei wenigen Unternehmen benannt. Um demokratische Prozesse und Institutionen im Sinne von SDG 16 zu stärken statt zu schwächen, diskutierte das Panel daher auch, wie offene und nachvollziehbare KI-Ansätze aussehen müssen: keinesfalls staatlich, sondern gemeinwohlorientiert, mit vielfältigen Anbietern, klaren Regeln und vor allem demokratischen Kontrollmechanismen.

Fazit

Die Paneldiskussion auf dem KOSMOS Demokratie-Festival zeigte, dass Digitalisierung einen wichtigen Beitrag zu SDG 16 leisten kann: Die vorgestellten Tools machen demokratische Prozesse zugänglicher, inklusiver und in größeren Dimensionen trotz qualitativer Tiefe organisierbar. Gleichzeitig machten alle vier Organisationen deutlich, dass es keinesfalls ihr Verständnis ist, dass digitale Werkzeuge oder gar KI demokratische Beteiligung ersetzen sollen. Denn Demokratie entsteht weiterhin dort, wo Menschen miteinander sprechen, Interessen aushandeln und Verantwortung übernehmen.

Gerade darin liegt ein auffälliger Unterschied zu Digitalisierungsversprechen, die wir in Analysen zu anderen Nachhaltigkeitszielen beobachten konnten. Bei Themen wie dem Klimaschutz unterstützen digitale Technologien häufig dabei, Komplexität zu reduzieren und Entscheidungen durch Daten, Modelle oder Berechnungen vorzubereiten (siehe hierzu unsere Feldanalyse). Im Kontext von SDG 16 hingegen besteht ihr Beitrag nicht darin, die Komplexität demokratischer Aushandlungsprozesse aufzulösen, sondern darin, mehr Menschen an ihnen zu beteiligen und die dadurch entstehende Komplexität zu händeln. Es scheint, als wäre Digitalisierung in diesem Zusammenhang weniger ein Mittel zur Optimierung von Entscheidungen, sondern eine Infrastruktur für Beteiligung. Die vorgestellten Tools sollen den demokratischen Prozess nicht ersetzen, sondern zugänglicher, inklusiver und transparenter machen. Vielleicht liegt gerade darin ihr wichtigster Beitrag zu „Frieden, Gerechtigkeit und starken Institutionen“.

Für einen tieferen Einblick, was in der Digitalbranche zum 16. Nachhaltigkeitsziel diskutiert und an Lösungen angeboten wird, geht es hier zur entsprechenden Feldanalyse.

Die von Lukas Salecker entwickelte Software DeliberAIde hat die Diskussion graphisch wie folgt abgebildet:

 

 

21.10.26

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Das Mittelstand-Digital Netzwerk bietet mit den Mittelstand-Digital Zentren und der Initiative IT-Sicherheit in der Wirtschaft umfassende Unterstützung bei der Digitalisierung. Kleine und mittlere Unternehmen profitieren von konkreten Praxisbeispielen und passgenauen, anbieterneutralen Angeboten zur Qualifikation und IT-Sicherheit. Das Bundesministerium für Wirtschaft und Energie ermöglicht die kostenfreie Nutzung der Angebote von Mittelstand-Digital. Weitere Informationen finden Sie unter www.mittelstand-digital.de.