Was als solide Entscheidungsgrundlage gedacht war, mutiert so rasch zum unkalkulierbaren Projektrisiko. Gerade weil sich Parameter in enormer Geschwindigkeit verschieben, veralten starre Analysen oft schon, bevor sie überhaupt fertiggestellt sind. In der Praxis zeigt sich immer wieder, dass traditionelle Recherchemethoden hier schlichtweg nicht mehr ausreichen. Leitet man etwa Design-Guidelines streng nach altbekannten, engmaschigen Customer Journeys ab, sind die Ergebnisse meist viel zu spezifisch. Strategisch wertvolle Empfehlungen lassen sich so kaum ableiten. Ohne ein grundlegendes Umdenken verfehlt die Informationsbeschaffung ihren Zweck. Um belastbare UX-Prinzipien zu etablieren, braucht es einen methodischen Neustart. Der Fokus muss auf einem Prozess liegen, der systematisch vorgeht, konsequent validierte Quellen nutzt und moderne KI-Werkzeuge intelligent einbindet – ohne dabei die menschliche Urteilskraft auszulagern.
Wie sieht so ein zeitgemäßer Research-Prozess aus? Bewährt hat sich eine Unterteilung in zwei ineinandergreifende Phasen. Den Anfang macht ein klassischer Marktüberblick: Desk Research und die Auswertung offizieller Guidebooks der großen Tech-Konzerne liefern das nötige Fundament. Weil diese initialen Erkenntnisse naturgemäß oft oberflächlich bleiben, folgt im zweiten Schritt der eigentliche Tiefgang. Hier kommen spezielle Funktionen für die KI-assistierte Recherche von Large Language Models (LLMs) ins Spiel. Wer diese generativen Systeme im Arbeitsalltag nutzt, merkt schnell: Die echten Schätze sind meist gar nicht die gefälligen Textzusammenfassungen, die die KI ausspuckt. Viel wertvoller sind die generierten Quellenlisten, die völlig neue Recherchepfade eröffnen. Gleichzeitig ist genau hier Vorsicht geboten, denn die Gefahr von halluzinierten – sprich frei erfundenen – Quellen schwingt immer mit. Wer aus der so entstehenden Informationsflut eine verlässliche Wissensbasis formen will, kommt nicht umhin, alle manuell geprüften Daten zentral in spezialisierten Analysetools zusammenzuführen. Nur so lässt sich verhindern, dass entscheidendes Kontextwissen in isolierten Dokumenten oder Chat-Verläufen versickert.
Liegt die zentralisierte Datenbasis vor, geht es an die Extraktion der eigentlichen Antworten. Techniken wie Meta-Prompting leisten hier exzellente Dienste. Sie geben der KI den notwendigen Kontext und zwingen das System zu einer strukturierteren Arbeitsweise, da die Eingaben kontinuierlich auf ihre Präzision getrimmt werden. Trotz all dieser Effizienzgewinne bleibt die KI am Ende genau das: ein Werkzeug, das Prozesse beschleunigt. Die gewonnenen Rohdaten müssen weiterhin von Menschen gefiltert, geordnet und in den richtigen fachlichen Rahmen gesetzt werden. Es braucht einen ständigen, iterativen Abgleich zwischen der Maschine, den Daten und dem menschlichen Experten. Nur durch diesen Diskurs lassen sich technologische Machbarkeit und reale Nutzerbedürfnisse vernünftig in Einklang bringen. Geht es an die Ausformulierung finaler Guidelines, ist tiefes Fachwissen gefragt, um gefährliche Pauschalisierungen zu umschiffen.
Worauf kommt es unterm Strich an?
- Kritische Quellenprüfung: KI-assistierte Recherche funktioniert nur, wenn Ergebnisse menschlich validiert werden.
- Zentrale Wissensorganisation: Blindes Kopieren von LLM-Zusammenfassungen ist tabu; Daten müssen geprüft und strukturiert abgelegt werden.
- Interdisziplinärer Diskurs: Unterschiedliche Blickwinkel im Team sind zwingend nötig, um Annahmen zu schärfen.
- Modularität: Design-Guidelines dürfen nicht starr sein, sondern müssen mit dem technologischen Fortschritt mitwachsen.
KI nimmt uns den Weg zur Erkenntnis nicht ab – sie macht ihn lediglich kürzer.
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Erik Dethier
- Hochschule Bonn-Rhein-Sieg
- Mittelstand 4.0-Kompetenzzentrum Usability
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