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Wenn Organisationen über Digitalisierung sprechen, geht es häufig um konkrete Fragen: Welche Anwendungen sind sinnvoll, was kosten sie, welche Kompetenzen werden benötigt? Die Bedingungen dieser Digitalisierung werden jedoch maßgeblich von wenigen globalen Tech-Konzernen geprägt.

Ein Blick hinter die KI-Kulissen

Unternehmen wie Microsoft, Meta oder Nvidia kontrollieren wichtige Plattformen, Cloud-Infrastrukturen oder Schlüsseltechnologien und dominieren damit Märkte und technische Ökosysteme. Zugleich entwerfen sie – neben dystopischen Angstszenarien – technikoptimistische Zukunftsbilder, in denen technologische Innovation als Antwort auf zahlreiche Menschheitsprobleme erscheint (Techno-Solutionismus). Diese Narrative sind von Heilsversprechen und einem Selbstbild visionärer Erfinder geprägt.

Das Buch „Digitaler Kolonialismus – Wie Tech-Konzerne und Großmächte die Welt unter sich aufteilen“ von Ingo Dachwitz und Sven Hilbig lenkt den Blick auf die materiellen und menschlichen Voraussetzungen dieser Erzählungen: Wer leistet die häufig unsichtbare Arbeit, auf der KI-Systeme beruhen? Wer baut die Rohstoffe für Chips, Rechenzentren und Endgeräte ab? Und welche Unternehmen kontrollieren die entstehenden Infrastrukturen und profitieren wirtschaftlich von ihnen?

Diese Perspektive führt zu Fragen, die auch für KMU und zivilgesellschaftliche Organisationen relevant sind. Denn ihre Toolentscheidungen sind auch Entscheidungen darüber, von welchen Anbietern sie sich abhängig machen, wie mit Daten umgegangen wird und welche Formen von Arbeit und Ressourcenverbrauch sie unterstützen.

 

Geisterarbeiter:innen – Digitale Lieferketten sichtbar machen

Die Nonprofit-Organisation fair.work, die aus dem Oxford Internet Institute und dem WZB Berlin ausgegründet wurde, bietet einen Bewertungsrahmen zur Beurteilung fairer Arbeitsbedingungen innerhalb der Plattform- und KI-Wirtschaft. Die Soziologin und Informatikerin Milagros Miceli hält die EU-Plattformarbeitsrichtlinie, die bis Dezember 2026 umgesetzt werden soll, für einen guten Start, um menschenwürdige Standards in dieser Branche umzusetzen, sofern solche Regelungen dann auch umgesetzt würden (vgl. Miceli 2026). Doch warum gibt es hier so dringenden Handlungsbedarf – was übersehen wir oft, wenn wir über KI, Plattformanbieter und den nächsten großen Hype sprechen?

Im Kontext von Social-Media-Plattformen ist seit längerem bekannt, dass sogenannte Klickworker:innen viele Stunden am Tag Gewaltdarstellungen aller Art sichten, um die Plattformen davon freizuhalten. Dachwitz und Hilbig beschreiben, dass auch hinter Sprachmodellen wie ChatGPT eine ähnliche Form von Arbeit steckt: Menschen lesen Texte, die unterschiedliche, drastische Formen von Gewalt explizit und detailliert beschreiben und weisen ihnen Kategorien zu – damit „die KI“ lernt, welche Antworten unangemessen sind, und Nutzer:innen eine unbeschwerte Nutzungserfahrung haben.

Für diese und andere unsichtbare menschliche Tätigkeiten, die hinter digitalen Dienstleistungen stecken, prägten die Anthropologin Mary L. Gray und der Informatiker Siddharth Suri den Begriff „Geisterarbeit“, worauf sich Dachwitz und Hilbig beziehen. Sie beschreiben, wie große Tech-Konzerne diese Arbeit über spezialisierte Outsourcing-Unternehmen organisieren und dabei vor allem Arbeitskräfte im Globalen Süden beschäftigen. Obwohl sich manche dieser Dienstleister selbst als ethisch bezeichnen, seien die tatsächlichen Arbeitsbedingungen – geringe Bezahlung, hoher psychischer Druck durch die permanente Konfrontation mit Gewaltinhalten, wenig Absicherung und fehlende psychologische Betreuung – oft sehr weit von diesem Anspruch entfernt. Da von dieser Ausbeutung vorwiegend Konzerne aus dem globalen Norden profitieren und globale Ungleichheits- und Abhängigkeitsverhältnisse aktualisiert und fortgeschrieben werden, wird der Begriff Digitaler Kolonialismus verwendet. Er stammt unter anderem von der Menschenrechtsaktivistin und Anwältin Renata Ávila Pinto, die im Buch auch das Nachwort beigesteuert hat. Dachwitz und Hilbig sprechen auch von Neokolonialismus, da es sich nicht um grundlegend neue Mechanismen handle, sondern um die Fortsetzung alter Ausbeutungsmuster mit neuen, digitalen Mitteln.

Dachwitz und Hilbig machen damit eine digitale Wertschöpfungskette sichtbar, die Parallelen zu klassischen, globalen Lieferketten aufweist: Auch ein digitales Produkt wie ein Chatbot entstehe nicht ohne menschliche – und oft schlecht bezahlte, belastende – Arbeit. Zudem arbeiten die Autoren heraus, dass hinter vermeintlich digitalen Funktionen vielfach manuelle, menschliche Tätigkeit stecke. „Die KI“ scanne dann zum Beispiel gar nicht wie von Zauberhand automatisch und selbstlernend, sondern müsse von menschlicher Hand unterstützt werden. Dachwitz und Hilbig schreiben: „Die wenigsten Menschen wissen zum Beispiel, dass auch der Suchalgorithmus von Google nicht ohne menschliche Unterstützung auskommt“ (Dachwitz, Hilbig: 2026, 26). Auch die Soziologin und Informatikerin Miceli Milagros betont in der Süddeutschen Zeitung: „Künstliche Intelligenz ist nicht so automatisch, wie sie erscheint. Ohne Menschen, die Daten erzeugen, sortieren, bewerten und kontrollieren, würde sie nicht funktionieren“ (Miceli 2026). Miceli betont, dass diese Arbeit keine Randerscheinung und die schlechten Arbeitsbedingungen Teil des Geschäftsmodells seien. Außerdem stellt sie heraus, dass die Arbeiter:innen ihre Tätigkeit „hochqualifiziert, mehrsprachig und mit erheblichem fachlichem und kulturellem Einordnungswissen“ (ebd.) ausübten.

Für Organisationen heißt das zunächst vor allem: genau hinschauen. Wer arbeitet eigentlich an der Technologie, die wir einsetzen, und unter welchen Bedingungen? Bei digitalen Produkten ist diese Frage schwerer zu beantworten als bei einem physischen Produkt – deshalb aber nicht weniger relevant. Es kann sich lohnen, bei der Auswahl von KI-Tools oder digitalen Dienstleistungen gezielt nachzufragen: Welche Arbeitsleistungen fließen in das Produkt ein? Wo werden Daten verarbeitet, welche Dienstleistungen werden ausgelagert? Und welche Verantwortung bleibt beim eigenen Unternehmen, auch wenn einzelne Arbeitsschritte an andere Anbieter weitergegeben werden?

 

Rohstoffe: Kobalt, Lithium und eine sehr lange Ausbeutungsgeschichte

Ohne Rohstoffe wie Kobalt, Lithium und seltene Erden gäbe es keine Chips, Akkus und Batterien – rund die Hälfte des Gewichts eines Smartphones entfalle laut Dachwitz und Hilbig auf verarbeitete Rohstoffe. Etwa drei Viertel des weltweiten Kobalts stammten aus der Demokratischen Republik Kongo, einem der rohstoffreichsten Länder der Welt – das von diesem Reichtum selbst kaum profitiere. Abgebaut und verarbeitet werde vor allem von Unternehmen aus China, den USA und Europa. Bis heute gebe es eine direkte Kontinuität zur früheren Kolonialherrschaft: Zwangsvertreibungen, gefährliche Arbeitsbedingungen, Kinderarbeit und die Finanzierung bewaffneter Gruppen durch den Handel mit Konfliktrohstoffen. Ein belgisches Unternehmen, das schon unter der belgischen Kolonialherrschaft im Kongo tätig war, gehöre zudem bis heute zu den Hauptprofiteuren.

Verantwortung, so Dachwitz und Hilbig, verteile sich dabei auf viele Schultern: Bergbauunternehmen, Batterie-, Auto- und Handyhersteller ebenso wie Konsument:innen, die im Schnitt alle zwei Jahre ein neues Smartphone kauften. Alternativen wie das Fairphone existierten zwar, blieben aber Nischenprodukte – echte, breit verfügbare Alternativen gebe es bislang kaum. Auch beim Lithium-Abbau in Peru und Bolivien – zwei der größten Förderländer weltweit – komme es zu Wasserverschmutzung und gesundheitlichen Folgen wie erhöhten Krebsraten. Auch deutsche Finanzinstitute seien in entsprechende Projekte in Lateinamerika involviert.

Auf europäischer Ebene gab es mit dem EU-Lieferkettengesetz einen Versuch, Umwelt- und Menschenrechtsstandards verbindlicher zu etablieren. Nach erfolgreicher Lobbyarbeit von Industrieverbänden und -unternehmen sei das Gesetz im EU-Parlament jedoch weitgehend entkernt worden, so Dachwitz und Hilbig.

 

Düstere Zukunftsaussichten?

Renata Ávila Pinto formuliert im Nachwort von „Digitaler Kolonialismus – Wie Tech-Konzerne und Großmächte die Welt unter sich aufteilen“ eine digitale Utopie, um sichtbar zu machen, dass die aktuellen Entwicklungen nicht alternativlos sind.

Sie schreibt von einem Perspektivwechsel weg von unternehmerischen und staatlichen Kontroll- und Profitmöglichkeiten hin zur Gemeinwohlorientierung durch Graswurzelbewegungen. Von der Überwindung umweltschädlicher und extraktivistischer Modelle zu lokal entwickelten Technologien und Regelungen im Sinne des Konzepts eines digitalen Gemeinguts, orientiert an demokratischen, nachhaltigen Strukturen (z. B. Kreislaufwirtschaft). Sie plädiert für die Abkehr von der Idee, dass alle dem Silicon Valley nacheifern müssten anstatt eigene, bedarfsorientierte Ideen und Zukünfte zu entwickeln. Einen Fokus setzt sie zudem auf nachvollziehbare, freie Software.

Dachwitz und Hilbig geben im Buch und auf Lesungen einige konkrete Handlungsempfehlungen, wie diese menschzentrierte, selbstbestimmte und gemeinwohlorientierte technologische Zukunft realisiert werden kann.

Das eigene Nutzungsverhalten prüfen: Wie bei anderen Lieferketten auch – etwa bei Erdbeeren im Winter, deren Anbau in Spanien oft auf Ausbeutung basiert – lohnt sich ein ehrlicher Blick auf Kosten-Nutzen-Verhältnisse: Welche Arbeit und welche Energie stecken in den KI-Tools, die im eigenen Unternehmen selbstverständlich genutzt werden? Ein bewusster Umgang kann bei der Wahl von Diensten beginnen – etwa datenschutzfreundlichere Suchmaschinen oder dezentrale, gemeinwohlorientierte Alternativen zu großen Plattformen, die dem entgegenwirken.

Nachhaltigkeit sichtbar machen: Wie viele digitale Geräte sind im Unternehmen im Einsatz, wie lange werden sie genutzt, gibt es eine Reparatur- statt einer Neukaufkultur?

Öffentlichkeit und Solidarität: Nicht wegschauen, auch wenn Zulieferketten unangenehme Fragen aufwerfen – im Zweifel auch das eigene Bankkonto oder Finanzierungspartner kritisch hinterfragen, wenn diese in umstrittene Rohstoffprojekte investiert sind.


 

Hintergrund

Ingo Dachwitz ist Journalist und Kommunikationswissenschaftler und arbeitet bei netzpolitik.org als Redakteur. Sein Buch „Digitaler Kolonialismus – Wie Tech-Konzerne und Großmächte die Welt unter sich aufteilen“ wurde als eines der Wissensbücher 2025 geehrt. Am 7. Juli 2026 stellte Dachwitz es im betahaus Hamburg innerhalb der Reihe „Algorithmus & Alltag – KI verstehen, nutzen, hinterfragen“, organisiert von der AKTIVOLI-FreiwilligenAkademie in Kooperation mit der Heinrich-Böll-Stiftung, vor. Geschrieben hat Dachwitz das Buch gemeinsam mit Sven Hilbig (Referent für Handelspolitik und Digitalisierung bei Brot für die Welt).


 

Motiviert, jetzt etwas Konkretes zu tun?

Sie möchten sich mit Möglichkeiten auseinandersetzen, wie digitale Zukunft gemeinsam gestaltet werden kann? Zum Beispiel, indem Sie als Netzwerker:in aus dem KMU- oder Start-Up-Bereich aus dem Raum Hamburg mit zivilgesellschaftlichen Organisationen über Shared Services und Ressources, gemeinsame Open-Source-Infrastruktur und innovative Kooperationsmöglichkeiten nachdenken? Melden Sie sich bei unserem Event „Digitale Zukunft gemeinsam gestalten. Was brauchen Organisationen heute? Was brauchen Engagierte morgen?“ am 18.11.2026 in Kooperation mit der AKTIVOLI-FreiwilligenAkademie, dem ROSI der Universität Hamburg dem Haus des Engagements Hamburg an.


 

Zum Begriff Geisterarbeiter:innen:

Miceli, Milagros (2026): Die verdeckte Arbeit hinter der KI muss stärker reguliert werden. In: Süddeutsche Zeitung, Dossier. Gastbeitrag vom 17.04.2026. [Zugriff: 25.09.2026].

Gray, M. L., & Suri, S. (2019). Ghost work: How to stop Silicon Valley from building a new global underclass. Harper Business.

Tubaro, P., Casilli, A. A., & Coville, M. (2020). The trainer, the verifier, the imitator: Three ways in which human platform workers support artificial intelligence. Big Data & Society, 7(1), 2053951720919776.

Zu gemeinwohlorientierten Alternativen der Digitalisierung:

FIfF-Kommunikation (2026): Digitale Souveränität [Themenheft]. Zeitschrift für Informatik und Gesellschaft, 43. Jg., Heft 2/2026, Juni 2026. Online: https://www.fiff.de/assets/pdf/fiff-kommunikation/fiff-kommunikation-2026-2.pdf [Zugriff: 25.09.2026].

Weitere Quellen:

Rat der Europäischen Union (2025): EU rules on platform work. Consilium.europa.eu, zuletzt geprüft am 04.02.2025. [Zugriff: 25.09.2026].

Fairwork Certification (o. J.): Independent certification for the labour behind AI. fair.work. [Zugriff: 25.09.2026].

 

29.09.26

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Das Mittelstand-Digital Netzwerk bietet mit den Mittelstand-Digital Zentren und der Initiative IT-Sicherheit in der Wirtschaft umfassende Unterstützung bei der Digitalisierung. Kleine und mittlere Unternehmen profitieren von konkreten Praxisbeispielen und passgenauen, anbieterneutralen Angeboten zur Qualifikation und IT-Sicherheit. Das Bundesministerium für Wirtschaft und Energie ermöglicht die kostenfreie Nutzung der Angebote von Mittelstand-Digital. Weitere Informationen finden Sie unter www.mittelstand-digital.de.