Das kann teuer werden. Nicht nur, weil nachträgliche Änderungen aufwendig sind. Sondern auch, weil Produkte entstehen können, die an den tatsächlichen Bedürfnissen ihrer Nutzenden vorbeigehen.
Besonders deutlich wird dieses Problem bei der digitalen Barrierefreiheit. Noch immer wird häufig versucht, Barrierefreiheit über Normen, Checklisten und nachträgliche Prüfungen herzustellen. Diese Werkzeuge sind wichtig. Sie können jedoch nicht vollständig zeigen, wie Menschen mit unterschiedlichen Fähigkeiten ein Produkt im Alltag erleben. Wer Barrieren wirklich verstehen will, muss die betroffenen Menschen beteiligen.
Partizipative Entwicklung bedeutet dabei nicht, dass Nutzende einmal einen fertigen Prototyp testen dürfen. Sie werden bereits früher einbezogen: beim Verständnis des Problems, bei der Entwicklung von Ideen und bei der Bewertung möglicher Lösungen. Auf Grundlage unserer Projekte haben wir vier Fragen zusammengestellt, die Unternehmen beim Einstieg in partizipative IT-Projekte helfen können. Der Fokus liegt auf Barrierefreiheit. Die Fragen lassen sich jedoch ebenso auf andere digitale Produkte und Dienstleistungen übertragen.
Beteiligte
Die erste Frage klingt einfach, wird aber häufig zu ungenau beantwortet: Wer sind die Menschen, für die wir entwickeln?
Allgemeine Zielgruppen wie „ältere Menschen“, „Menschen mit Behinderungen“ oder „Mitarbeitende“ reichen dafür nicht aus. Innerhalb solcher Gruppen unterscheiden sich Fähigkeiten, Erfahrungen, Arbeitsweisen und Lebenssituationen erheblich. Es sollte deshalb möglichst konkret geklärt werden, wer das Produkt später nutzt und welche Menschen durch die bisherigen Lösungen ausgeschlossen oder benachteiligt werden. Wann immer es möglich ist, sollten die tatsächlichen Nutzenden direkt beteiligt werden. Manchmal werden stattdessen Familienangehörige, Lehrkräfte, Pflegekräfte oder andere unterstützende Personen befragt. Sie können wichtige Perspektiven beitragen. Sie können die Erfahrungen der betroffenen Menschen jedoch nicht vollständig ersetzen. Stellvertretende Personen sollten deshalb nicht zum bequemen Standard werden. Besser ist es, sie als Unterstützung einzubeziehen: etwa um die Kommunikation zu erleichtern, Vertrauen aufzubauen oder eine Teilnahme überhaupt zu ermöglichen.
Die entscheidende Frage lautet: Wie können wir die tatsächlichen Nutzenden direkt beteiligen, und welche Unterstützung benötigen sie dafür?
Nutzungskontext
Ein Produkt ist nicht allein deshalb zugänglich, weil es unter kontrollierten Bedingungen funktioniert. Eine Anwendung kann im ruhigen Besprechungsraum problemlos bedienbar sein und im hektischen Arbeitsalltag trotzdem scheitern. Eine Funktion kann technisch barrierefrei sein, aber so viel Aufmerksamkeit verlangen, dass sie in der konkreten Situation kaum nutzbar ist. Deshalb muss der Nutzungskontext verstanden werden. Wo wird die Lösung verwendet? Welche Aufgabe soll erledigt werden? Welche Geräte stehen zur Verfügung? Gibt es Zeitdruck, Ablenkungen oder besondere Sicherheitsanforderungen? Gerade bei Barrierefreiheit entstehen Hürden häufig aus dem Zusammenspiel von Person, Aufgabe, Umgebung und Technologie. Eine Einschränkung liegt also nicht einfach beim Menschen. Sie entsteht, wenn ein Produkt bestimmte Fähigkeiten voraussetzt, die in einer Situation nicht oder nur eingeschränkt verfügbar sind.
Bevor über Funktionen gesprochen wird, sollte daher eine andere Frage beantwortet werden: Welche konkrete Hürde entsteht heute im Alltag, und wodurch wird sie verursacht?
Beteiligungsmethoden
Partizipation muss nicht mit einem großen, mehrtägigen Workshop beginnen. Manchmal reicht ein Gespräch, um eine zentrale Fehlannahme aufzudecken. In anderen Fällen ist es sinnvoll, Menschen bei der Nutzung bestehender Lösungen zu beobachten. Workshops eignen sich besonders dann, wenn unterschiedliche Perspektiven zusammengebracht oder gemeinsam erste Ideen und Prototypen entwickelt werden sollen. Die Methode sollte nicht danach ausgewählt werden, was gerade modern klingt. Sie sollte zur Fragestellung, zur Zielgruppe und zu den vorhandenen Ressourcen passen. Ein Interview hilft dabei, Erfahrungen, Wünsche und Schwierigkeiten zu verstehen. Eine Beobachtung zeigt möglicherweise Probleme, die Menschen selbst kaum benennen, weil sie sich bereits an umständliche Abläufe gewöhnt haben. In einem gemeinsamen Workshop können Nutzende, Entwickler:innen sowie weitere Beteiligte Lösungen unmittelbar miteinander diskutieren. Entscheidend ist nicht, möglichst viele Methoden einzusetzen. Entscheidend ist, die richtige Form der Beteiligung für die aktuelle Projektphase zu finden.
Die Leitfrage lautet deshalb: Welche Form der Beteiligung liefert uns die Erkenntnisse, die wir für die nächste Entscheidung tatsächlich benötigen?
Umfang
Partizipation ist kein Alles-oder-Nichts-Prinzip. Ein Unternehmen muss kein langfristiges Forschungsprojekt beginnen, um Nutzende sinnvoll einzubeziehen. Auch kleine Formate können wertvoll sein. Einige Gespräche können genügen, um wiederkehrende Barrieren zu erkennen. Ein kurzer Test kann zeigen, ob eine Navigation verständlich ist. Eine kleine Gruppe kann dabei helfen, mehrere Lösungsansätze zu vergleichen. Kleine Teilnehmerzahlen bedeuten allerdings nicht, dass die Auswahl beliebig sein darf. Fünf Personen mit ähnlichen Erfahrungen liefern weniger Perspektiven als fünf Personen, die unterschiedliche Fähigkeiten, Nutzungskontexte und Vorkenntnisse mitbringen. Auch die Dauer sollte sich nicht nur nach dem Projektplan richten. Lange Workshops sind nicht für jede Zielgruppe geeignet. Kurze, gut vorbereitete Termine oder mehrere kleinere Begegnungen können bessere Ergebnisse liefern und die Beteiligten weniger belasten.
Unternehmen sollten daher fragen: Wie können wir die Beteiligung so gestalten, dass sie für das Projekt aussagekräftig und für die Teilnehmenden zumutbar ist?
Partizipation braucht Rückmeldung
Ein Punkt wird in partizipativen Projekten leicht übersehen: Beteiligung endet nicht mit dem Interview oder Workshop. Wer Zeit, Erfahrungen und Ideen einbringt, sollte erfahren, was damit geschehen ist. Welche Hinweise wurden übernommen? Welche konnten nicht umgesetzt werden? Welche Entscheidungen wurden daraus abgeleitet? Ohne diese Rückmeldung kann schnell der Eindruck entstehen, dass die Beteiligung lediglich symbolisch war. Das beschädigt Vertrauen und erschwert zukünftige Zusammenarbeit.
Partizipation bedeutet deshalb auch, Verantwortung für den Umgang mit den Beiträgen zu übernehmen. Dazu gehören eine verständliche Kommunikation, eine angemessene Vergütung und Klarheit darüber, welche Einflussmöglichkeiten tatsächlich bestehen.
Wichtig ist nicht, sofort den perfekten Beteiligungsprozess zu entwickeln. Wichtig ist, nicht ausschließlich über Menschen zu gestalten, wenn man auch mit ihnen gestalten kann.
Weitere Informationen
Kontakt
Adrian Wegener
- Karlsruher Institut für Technologie
- Mittelstand 4.0-Kompetenzzentrum Usability
- Mittelstand-Digital Zentrum Fokus Mensch
- Kaiserstraße 89-93
- 76133 Karlsruhe