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„Dafür haben wir keine Zeit“ oder „Ethik bremst Innovation“ – solche Einwände begegnen Unternehmen immer wieder. Dieser Beitrag zeigt, warum sie häufig auf Missverständnissen beruhen und wie menschzentriertes Design sowie Technikethik dazu beitragen können, Ressourcen effizienter einzusetzen und bessere Produkte zu entwickeln.

Insbesondere unter Zeitdruck oder bei begrenzten Budgets kann schnell der Eindruck entstehen, dass menschzentrierte Gestaltung (Human-Centered Design; HCD) und ethische Reflexionen zwar wünschenswert, aber nicht unbedingt notwendig seien. Ein genauerer Blick zeigt jedoch, dass viele dieser Einwände auf Missverständnissen beruhen. Tatsächlich können HCD und Technikethik gerade dabei helfen, Ressourcen effizienter einzusetzen, Risiken zu reduzieren und die Erfolgschancen neuer Produkte zu erhöhen [1].

„Dafür haben wir keine Zeit.“

Die Entwicklung neuer Produkte ist oft von Zeitdruck geprägt, da möglichst schnell ein neuer Prototyp oder ein marktfähiges Produkt entwickelt werden soll. Zusätzliche Nutzerinterviews, Workshops oder ethische Reflexionen erscheinen in diesem Kontext wie Verzögerungen. Die entscheidende Frage lautet jedoch nicht, ob Zeit investiert wird, sondern wann.

Tatsächlich kostet frühe Nutzerforschung oder ethische Reflexion Zeit. Forschung zu Entwicklungsprozessen zeigt jedoch, dass Korrekturen in späten Entwicklungsstadien erheblich aufwendiger und teurer sind als Anpassungen in frühen Konzeptionsphasen [1]. Wer früh Zeit investiert, um Nutzerbedürfnisse zu verstehen oder mögliche Risiken zu identifizieren, spart häufig deutlich mehr Zeit in späteren Projektphasen.

„Wir kennen unsere Nutzer:innen bereits.“

Insbesondere Unternehmen, die seit Jahren in einer Branche arbeiten, verfügen über viel Erfahrung, Marktkenntnisse und etabliertes Fachwissen. Daraus entsteht leicht die Annahme, dass man die Bedürfnisse der Zielgruppe eines Produkts bereits kenne. Während Erfahrung zweifellos wertvoll ist, ersetzt sie jedoch nicht die Perspektive der tatsächlichen Nutzer:innen.

Menschen nutzen Produkte oft anders, als Entwickler:innen oder Projektverantwortliche erwarten. Sie haben andere Prioritäten, andere Arbeitsabläufe oder andere Probleme – genau deshalb unterscheiden sich Expertenwissen und Nutzerwissen häufig. Hinzu kommt, dass sich Nutzungskontexte verändern. Neue Technologien, veränderte Arbeitsweisen oder gesellschaftliche Entwicklungen können dazu führen, dass bisherige Annahmen nicht mehr zutreffen. Selbst etablierte „Best Practices“ funktionieren nur dann, wenn die tatsächlichen Nutzer und Nutzungskontexte verstanden werden. Bereits wenige Gespräche mit Nutzer:innen reichen häufig aus, um überraschende Erkenntnisse zu gewinnen oder Fehlannahmen aufzudecken.

 „Ethik verhindert Innovation.“

Dieses Argument entsteht aus der Annahme, dass Technikethik als eine Form zusätzlicher Regulierung verstanden wird. Die zugrundeliegende Sorge lautet: Wenn zu viele Fragen gestellt werden, wird Innovation ausgebremst.

Technikethik verfolgt jedoch nicht das Ziel, Innovationen zu verhindern. Ihr Ziel besteht darin, Innovationen verantwortungsvoll und nachhaltig zu gestalten. Ein Blick auf bekannte Beispiele zeigt, dass technologische Innovation alleine nicht automatisch zum Erfolg führt. Produkte können technisch beeindruckend sein und dennoch scheitern, weil sie auf Ablehnung stoßen, Misstrauen erzeugen oder gesellschaftliche Probleme verursachen. Technikethik hilft Unternehmen dabei, solche Risiken frühzeitig zu erkennen und Innovationen so zu gestalten, dass sie langfristig akzeptiert und genutzt werden.

 „Wir kümmern uns später darum.“

Auch dieser Einwand erscheint zunächst nachvollziehbar – schließlich scheint es sinnvoll, erst ein funktionierendes Produkt zu entwickeln und im Anschluss dessen Auswirkungen zu bewerten. Das Problem besteht jedoch darin, dass viele Fragen der Nutzerzentrierung und Technikethik die grundlegende Architektur eines Produkts betreffen. Werden diese Fragen erst kurz vor dem Marktstart gestellt, ist es häufig zu spät für einfache Anpassungen- Sollte beispielsweise erst nach der Entwicklung festgestellt werden, dass bestimmte Nutzergruppen ausgeschlossen sind, wichtige Datenschutzanforderungen fehlen oder Entscheidungen eines KI-Systems nicht nachvollziehbar sind, müssen oft grundlegende Komponente des Systems überarbeitet werden. Je weiter ein Projekt fortgeschritten ist, desto teurer werden solche Änderungen.

„Das können sich nur große Unternehmen leisten.“

Diese Aussage fußt auf der Annahme, dass menschzentriertes Design und Technikethik umfangreiche Budgets, spezialisierte Teams oder aufwendige Prozesse erfordern. Tatsächlich sind viele Maßnahmen jedoch vergleichsweise einfach umzusetzen. Fünf bis sieben Nutzerinterviews, ein einstündiger Workshop zur Identifikation möglicher Risiken oder die regelmäßige Diskussion ethischer Fragestellungen im Projektteam verursachen einen überschaubaren Aufwand. Gleichzeitig können sie wichtige Erkenntnisse liefern, die späte Fehlentwicklungen verhindern. Menschzentriertes Design und Technikethik sind daher weniger eine Frage der Unternehmensgröße als vielmehr eine Frage der Herangehensweise. Kleinere Unternehmen haben hier sogar einen Vorteil. Entscheidungen können oft schneller getroffen und Erkenntnisse direkter in die Entwicklung integriert werden.

Fazit

Die meisten Einwände gegen menschzentriertes Design und Technikethik beruhen auf der Annahme, dass diese Themen zusätzliche Arbeit verursachen, ohne einen unmittelbaren Nutzen zu bieten. In der Praxis zeigt sich jedoch, dass diese beiden Ansätze Unternehmen dabei helfen, Risiken frühzeitig zu erkennen, Ressourcen gezielter einzusetzen, Vertrauen aufzubauen und Produkte zu entwickeln, die langfristig erfolgreich sind.

Gleichzeitig ist es wichtig anzuerkennen, dass die Auseinandersetzung mit HCD und Technikethik zunächst Zeit und Lernaufwand erfordert. Insbesondere, wenn bisher wenig Berührungspunkte mit diesen Themen bestanden, kann die Einführung neuer Methoden und Denkweisen anfangs ungewohnt sein. Dieser Aufwand ist jedoch eine Investition in die Zukunft. Je früher damit begonnen wird, Nutzerbedürfnisse und ethische Fragestellungen systematisch in die Entwicklungsprozesse einzubeziehen, desto schneller werden die entsprechenden Methoden zur Routine. Mit zunehmender Erfahrung werden diese Prozesse zu einem selbstverständlichen Bestandteil von Projektbesprechungen, Produktentscheidungen und Entwicklungsprozessen.

Hier findet sich eine Einführung in die beiden Konzepte menschzentriertes Design und Technikethik sowie wichtige Gründe für ihre frühzeitige Berücksichtigung im Entwicklungsprozess. Für Unternehmen, die direkt mit der Umsetzung beginnen möchten, findet sich hier eine erste Übersicht mit konkreten Maßnahmen und Praxisempfehlungen (Link).

 

17.08.26

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